Boliviens Anspruch gegen Chile auf Zugang zum Pazifik

Beim Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag ist ein Rechtsstreit zwischen Bolivien und Chile anhängig, dem die Klage Boliviens vom 24. April 2013 zugrunde liegt, mit welcher es von Chile im Wesentlichen begehrt, dass dieses mit ihm in Verhandlungen über einen „souveränen Zugang“ zum Pazifischen Ozean trete und solche Verhandlungen bona fide führe und zu einem effizienten Ende bringe.

Bolivien beruft sich zur Stützung seines behaupteten Anspruchs auf allgemeine Regeln des Internationalen Rechts sowie, ferner, auf seitens Chile diesbezüglich gemachte Zusagen diplomatischen Charakters.

Chile hat als erste Reaktion auf die Klage am 14. Juli 2014 eine Einrede der Unzuständigkeit betreffs des IGH eingebracht und behauptet diesbezüglich, die Sache sei durch die Bestimmungen des Friedensvertrags zwischen Bolivien und Chile aus dem Jahre 1904 erledigt.

Das heutige Bolivien, wie auch das heutige Chile sowie das heutige Peru und weitere Staaten Südamerikas waren Bestandteile des von Spanien dominierten Vizekönigreichs Peru, bis am 1. Augsut 1776 von diesem Königreich das Vizekönigreich Rio de la Plata gegründet wurde, dem insbesondere das heutige Argentinien, das heutige Bolivien und weitere Staaten angehörten, sodass vom Vizekönigreich Peru nur mehr Peru selbst und Chile übrig blieben, wie die nachstehende Karte darlegt, in der das genannte Vizekönigreich Rio de la Plata farbig eingezeichnet ist:

Vizekönigreich Rio de la PlataEine der Provinzen dieses Vizekönigreichs war Potosi, die hier dunkelrot eingefärbt ist. Wie erkennbar ist, erstreckte sich diese über weite Teile des heutigen Boliviens und, im Westen, auf ein an den Pazifischen Ozean angrenzendes Gebiet, das etwa zwischen dem 21. und 24. Breitengrad lag.

Am 6. August 1825 erklärte, nachdem Peru durch Niederschlagung der Spanier bzw. deren Kapitulation im Dezember 1924 unabhängig geworden war, Ober Peru unter dem Namen Bolivien seine Unabhängigkeit. Hier sei eine kurze Passage aus der Unabhängigkeitserklärung zitiert, welche zu finden ist bei ARANDA, Colección de los Tratados, Tomo II, Lima (1890), 154:

Bolivia 1825

Unsere Übersetzung dessen lautet:

Die Welt weiß, dass Ober Peru auf dem amerikanischen Kontinent der Altar gewesen ist, auf dem das erste Blut der Freien vergossen wurde, und das Land, wo das Grab des letzten der Tyrannen liegt: dass Charcas, Potosi, Cochabamba, La Paz und Santa Cruz anhaltende Anstrengungen unternommen haben, um das peninsulare Joch abzuschütteln; und dass die Unverbrüchlichkeit ihrer Stimmen gegen die spanische Herrschaft, ihr heroischer Widerstand tausendfach die gewaltsamen Märsche des Feindes auf Gebiete angehalten haben, welche, ohne diesen, angekettet oder nur mit der äußersten und höchst hervorragenden der Anstrengungen gerettet gewesen sein würden.

Potosi (mit seinem Zugang zum Pazifik) war als Provinz also Bestandteil des von der Unabhängigkeitserklärung betroffenen Territoriums: Dies ergibt sich klar und deutlich aus dem zitierten, was die Rolle Spaniens angeht, sehr zweideutigen Text.

Völlig ungehindert von Chile, gründete Bolivien in der Zeit danach etwa die Hafenstadt Cabija an der Pazifikküste.

Am 15. November 1826 schlossen Peru und Bolivien in Chuquisaca einen Pakt über eine Föderation (im spanischen Original sowie in englischer Übersetzung bei British and Foreign State Papers, Vol. XIV 1826-1827, London [1828], 959) sowie, wie aus des folgenden Präambel hervorgeht: danach (!) einen Grenzvertrag (ARANDA, aaO, 165) ab, in dessen Artikel II die Grenze zwischen den beiden Ländern, beginnend am Pazifik, wie folgt festgesetzt wurde:

Peru 1826

Unsere deutsche Übersetzung davon lautet:

Die Trennungslinie der beiden Republiken, der Peruanischen und der Bolivianischen, wird, von der Küste des Pazifischen Ozeans aus angefangen, der am achtzehnten Breitengrad gelegene Teufelshügel oder das Kap von Sama oder Laquiaca, zwischen den Häfen von Ilo und Arica bis zur Ortschaft von Sama sein; von wo sie durch die tiefe Schlucht im Tal des Sama bis zu den Kordilleren von Tacora weiterführen wird: wobei der Hafen von Arica und die übrigen Zugehörigkeiten vom achtzehnten Breitengrad bis zum einundzwanzigsten und das gesamte der Provinz Tacna zugehörige Gebiet, wie auch die übrigen im Süden dieser Linie gelegenen Ortschaften bei Bolivien bleiben.

Die nördliche Grenze dieses hier umrissenen Grenzgebietes entspricht in etwa der Grenze zwischen Chile und Peru, wie sie in dieser Karte aus dem Jahre 1911 aus: SHEPHERD, Historical Atlas, New York (1911), 214, dargestellt wird:

shepherd-c-214-215

Ferner spricht dieser Vertragstext im zitierten Artikel I davon, dass das Grenzgebiet bis zum 21. Breitengrad reiche. Es ist anzunehmen, dass diese Beschränkung seitens Peru deswegen erfolgte, weil dieses den Interessen Chiles nicht im Weg stehen wollte und daher eine Begrenzung in dessen Interesse vornahm. In diesem Zusammenhang zu wissen ist, dass das fragliche Gebiet im wesentlichen die Atacama Wüste umfasst, an der zu dieser Zeit, abgesehen vom Interesse Boliviens an einem Zugang zum Pazifik, kein besonders großes Interesse bestanden hat.

Ein solches Interesse kam erst etwa dreißig Jahre später auf, als allgemein bekannt wurde, dass in dieser Wüste erkleckliche Vorkommen von Salpeter existieren, welche Chemikalie sowohl in der Dünger- als auch in der Sprengstoffindustrie gebraucht wird.

Bei ARANDA, aaO, 168, findet sich eine Depesche des Peruanischen Außenministeriums an den Peruanischen Botschafter in Bolivien, vom 18. Dezember 1826, mit der die vorangehenden Verträge missbilligt werden.

1828 marschierte Peru in Bolivien ein. Der daraufhin abgeschlossene Präliminarfrieden von Piquiza, vom 6. Juli 1828 (ARANDA, aaO, 171; in englischer Übersetzung bei MARTENS, Nouveau Recueil de Traités, Tome VII, seconde partie, Göttingen [1830], 639) sah in dessen Artikel V bis IX einen Zeitplan vor, nach welchem Bolivien eine neue Verfassung ausarbeiten und hernach die peruanischen Truppen das Land evakuieren sollten, auf dass bolivianische Truppen es wieder in Besitz nähmen. Dabei war vorgesehen worden, dass die peruanischen Truppen die Provinz Potosi besetzt hielten, bis zu dem Tage, an dem die Konstituierende Versammlung Boliviens zusammentreten würde.

Ähnliche, die Besatzung sukzessive auflösende Bestimmungen enthält der nachfolgende Präliminarfrieden von Tiquina, vom 25. August 1831 (im spanischen Original, wie auch in einer englischen Übersetzung bei MARTENS, aaO, Tome X, 404), welchem schließlich der Friedensvertrag von Arequipa, vom 8. November 1831 (spanisch und englisch bei MARTENS, aaO, 420) folgte, in dessen Artikel XVI die Einrichtung einer gemeinsamen Kommission vereinbart wurde, welche die Grenzen zwischen den beiden Ländern nach deren natürlichem Verlauf festlegen sollte. Artikel XVII sah vor, dass bis dahin die bestehenden Grenzen – mithin die des Vertrags von Chuquisaca – „anerkannt und respektiert“ würden.

Offensichtlich war es zwischen Chile und Bolivien seit des letzteren Unabhängigkeit immer wieder zu Divergenzen über die gemeinsamen Grenzen gekommen. In der Präambel des Vertrags von Santiago, vom 10. August 1866 (BASCUÑÁN MONTES, Recopilación de Tratados y Convenciones, Tomo Segundo, Santiago [1894], 22; in einer französischen Übersetzung in Archives Diplomatiques, 1866/IV, 183) wird ausdrücklich auf solche Meinungsverschiedenheiten betreffs des Grenzverlaufes in der Atacama Wüste Bezug genommen und diese zum Gegenstand der einvernehmlichen Regelung mittels dieses Vertrages gemacht. Der erste Artikel dieses Vertrages lautet (in französischer Übersetzung), wie folgt:

1866

Ungeachtet der Festlegung des südlichen Endes des Grenzgebietes mit dem 21. Breitengrad im Vertrag von Chuquisaca wurde hier dieses (zwischen Peru und Chile gelegene) Grenzgebiet Boliviens sogar bis zum 24. Breitengrad ausgedehnt, sodass der Korridor, durch welchen Bolivien zwischen den Staaten Peru und Chile Zugang zum Pazifik hatte, vom 18. bis zum 24. Breitengrad reichte.

Mit dem Vertrag vom 5. Dezember 1872 zwischen Bolivien und Chile, geschlossen zu La Paz, wurde der 24. Breitengrad als Grenzlinie bestätigt und als östliche Grenze zwischen den beiden Staaten die höchsten Gipfel der Anden bestimmt. Der bezügliche Artikel I lautet in französischer Übersetzung (diese bei MARTENS, N.R.G., 2ème serie, Tome III, Göttingen [1878], 486) wie folgt:

1872

Am 6. August 1874 schlossen die beiden Streitteile in Sucre erneut einen Grenzvertrag (BASCUÑÁN MONTES, aaO, 101) ab, in dessen Artikel 1 wurde das Bisherige wie folgt bestätigt:

1874

So der Stand vor dem Salpeterkrieg, der 1879 begann, zwischen Chile einerseits und Peru sowie Bolivien andererseits wütete und, was Peru und Chile angeht, durch den Friedensvertrag von Lima (Ancón), vom 20. Oktober 1883 (MARTENS, aaO, Tome X, Göttingen [1885], 191) endete. In dessen Artikel I bis III, die für diesen Rechtsstreit wesentlich sind, wurde vereinbart, was folgt:

1883

Artikel II sieht also, nachdem in Artikel I die Beziehungen des Friedens und der Freundschaft zwischen den beiden Ländern wiederhergestellt wurden, vor, dass Peru an Chile das Küstengebiet der Provinz Tarapaca abtrete, dessen Grenzen im Norden die Schlucht und der Fluss Camarones, bzw. im Süden die Schlucht und der Fluss Loa sein sollen. Wie auf der oben wiedergegebenen Karte Südamerikas aus 1911 ersichtlich ist, liegt ersterer etwa auf dem 19. Breitengrad und letzterer etwa auf dem 21. Das von Peru mittels dieses Vertrages an Chile angeblich abgetretene Gebiet liegt somit deutlich und klar auf jenem, welches Peru mit dem Vertrag von Chuquisaca Bolivien zugesprochen hatte und das seitdem von Bolivien (auch seitens Chile) unbestritten besessen bzw. verwaltet worden war.

Diese vertraglichen Bestimmungen, welche klar und deutlich dem Grenzvertrag von Chuquisaca widersprechen und schon deshalb nichtig sind, stellen somit eine Vereinbarung zulasten Dritter dar, welche nach allgemein anerkanntem Völkerrecht unzulässig und somit nichtig ist.

On the other hand, if a collision happened between two Treaties concluded between two different contracting parties, the more ancient one must be executed, because it was not within the competence of the party promising, to act in derogation of his antecedent engagements to another.

So PHILLIMORE, Commentaries upon International Law, Volume II³, London (1882) 128.

Im Übrigen verstieß Peru durch den Abschluss dieses Friedensvertrags gegen Artikel VII der Defensivallianz von Lima, vom 6. Februar 1873 zwischen Bolivien und Peru, welcher vorkehrt, was folgt:

1873

Bemerkt sei hier der Vollständigkeit halber ferner, dass die mit dem zuvor zitierten Artikel II des Friedensvertrags vermeintlich vorgenommene Abtretung im Vergleich zu den Bestimmungen des Vertrags von Chuquisaca nach wie vor einen schmalen Streifen des Zugangs Boliviens zum Pazifik offen ließ, nämlich das nördlich des Camarones gelegene Gebiet um Arica und Tacna bis zum Sama. Hinsichtlich dieses Gebietes sah aber Artikel III des zitierten Vertrages vor, dass dieses „fortfahren soll, von Chile besessen zu werden“ und zwar „während eines Zeitraums von zehn Jahren“. Nach Ablauf dieser Frist sollte eine Volksabstimmung entscheiden, ob dieses Gebiet „definitiv des Eigentums und der Souveränität Chiles bleiben“, oder „Teil des peruanischen Territoriums zu sein fortfahren“ soll.

Am 4. April 1884 unterzeichneten schließlich Bolivien und Chile in Valparaiso einen Waffenstillstand (MARTENS, aaO, 610), dessen Artikel II lautet:

1884

Der wesentliche erste Teil dieser Bestimmung lautet in unserer deutschen Übersetzung:

Zweitens. Die Republik Chile wird während der Gültigkeit dieses Waffenstillstands fortfahren, durch Beherrschung der politischen und administrativen Ordnung, welche das chilenische Gesetz vorsieht, die Gebiete zu regieren, welche sich vom 23. Breitengrad bis zur Mündung des Flusses Loa in den Pazifik erstrecken, […].

Man beachte, dass auch hier der Streifen zwischen dem 23. und dem 24. Breitengrad, welcher ja gemäß den oben erläuterten Verträgen zwischen Chile und Bolivien gleichfalls zu Letzterem gehören sollte, gar nicht behandelt wird. Im Übrigen entspricht es gerade üblichen und allgemein anerkannten internationalen Gepflogenheiten (dieser Zeit), dass während des vereinbarten Waffenstillstandes keinerlei wesentliche Veränderungen an Truppenbewegungen und dergleichen vorgenommen werden dürfen. Die Bestimmung stellt also in keiner Hinsicht eine Anerkennung seitens Boliviens dar, dass Chile an dem betreffenden Gebiet Rechte habe, die über jene hinaus gehen, welche das Kriegsrecht für den Besatzer vorkehrt.

Der oben zitierte Waffenstillstand aus 1884 enthält in seinem Artikel VIII eine weitere interessante Bestimmung, welche da lautet:

1884-8

Unsere deutsche Übersetzung dessen lautet:

Achtens. Wie die Absicht der kontrahierenden Teile beim Abschluss dieses Waffenstillstands-Paktes ist, das Übereinkommen eines festen und dauerhaften Friedens zwischen den beiden Republiken vorzubereiten und zu erleichtern, verpflichten sie sich wechselseitig, zu diesem Ende die zweckdienlichen Fragen weiter zu betreiben.

Im Verein mit dem zuvor Gesagten, wonach im Artikel II keine Anerkennung Boliviens begründet liegt, ergibt sich aus der Überlegung, dass der Zugang zum Pazifik für Bolivien von ganz wesentlichem wirtschaftlichen Interesse ist, dass dies eine solche Frage ist, welche weiter zu betreiben gewesen wäre.

Stattdessen aber unterzeichneten Chile und Bolivien am 18. Mai 1895 den Frieden von Santiago (in englischer Übersetzung bei MARTENS, aaO, Tome XXXIV, 345), in dessen Artikel I es heißt, wie folgt:

1895-11895-2

Der erste Satz dieses Artikels lautet in unserer deutschen Übersetzung:

Die Republik Chile soll fortfahren, in absoluter und fortdauernder Herrschaft den Besitz des Gebietes zu halten, welches es gegenwärtig in Übereinstimmung mit dem Waffenstillstandspakt vom 4. April 1884 regiert hat.

Mehr Widersprüche lassen sich in einem Satz kaum unterbringen. Beachte aber ferner, dass die fett hervorgehobene Passage keine Rechte der Souveränität begründen, sondern lediglich gerade betonen, dass in Wahrheit im Widerspruch zum Waffenstillstand absolut und fortdauernd, anstatt relativ und befristet, wie dort vorgesehen, regiert wurde, was auch dem oben zitierten Artikel VIII desselben zuwiderlief. Aufgrund dieses Widerspruches, der offenkundig absichtlich formuliert wurde, wird die Passage, wonach Chile fortfahren soll, ad absurdum geführt.

Demgemäß kann auch das im nachfolgenden Satz 2 vorgesehene Anerkenntnis der Souveränität Chiles über dieses Gebiet nicht rechtswirksam zustande gekommen sein, zumal zuvor einvernehmlich festgehalten wurde, dass Zwang und Rechtswidrigkeit herrschen, was eine freie Entscheidung Boliviens zunichte machte.

Davon unabhängig unterzeichneten die Streitteile am 28. Mai 1895, in Santiago einen weiteren Vertrag (TORRICO, Tratados Chileno-Bolivianos, Segunda Parte, Cochabamba [1896], 1), in dessen Artikel 1 es heißt, wie folgt:

1895-3

Unsere deutsche Übersetzung dessen lautet:

1. Wenn in Konsequenz der Volksabstimmung, welche in Übereinstimmung mit dem Vertrag von Ancón stattzufinden hat, oder kraft direkter Regelungen die Republik Chile dauerhafte Herrschaft und Souveränität über die Gebiete von Tacna und Arica erlangen sollte, verpflichtet sie sich, diese an die Republik Bolivien abzutreten, und zwar in genau der Form und genau dem Ausmaß, in welchen sie sie erwerben würde, dies ohne Präjudiz für das in Artikel 2 Festgelegte.

Und im Artikel 4 desselben Vertrages verpflichtete sich Chile für den Fall, dass es die zuvor erörterten Gebiete nicht erwerben sollte, dazu, Bolivien die Bucht von Vitor abzutreten.

Zumal die Abtretung einer Bucht keinen mit dem Land verbundenen Zugang zum Meer ersetzen konnte, verwundert wenig, dass die beiden Streitteile am 20. Oktober 1904 in Santiago erneut einen Friedensvertrag (MARTENS, N.R.G., 3ème serie, Tome II, Leipzig [1909], 174) unterzeichneten, in dessen ersten beiden Artikeln es heißt:

1904

Unsere deutsche Übersetzung dessen lautet:

Artikel I. Die Beziehungen des Friedens und der Freundschaft zwischen der Republik Chile und der Republik Bolivien werden wiederhergestellt, während, in Konsequenz dessen, das durch den Waffenstillstands-Pakt etablierte Regime beendet wird.

Art. II. Durch den gegenwärtigen Vertrag bleiben als absolutes und dauerndes Eigentum Chiles anerkannt die von ihm zufolge des Artikels 2 des Waffenstillstands-Paktes vom 4. April 1884 besetzten Gebiete.

Indem hier, in Artikel I, erstmals davon die Rede ist, den Zustand des Waffenstillstands zu beenden, wird deutlich, dass der Vertrag aus 1895 kein Friedensvertrag sondern eine Verlängerung des Letzteren war.

Zumal Artikel II davon spricht, dass ein absolutes und dauerndes Eigentum Chiles „durch den gegenwärtigen Vertrag anerkannt bleib[e]“,  erfolgt abermals in der Form einer bloßen Wissenserklärung eine (nach dem oben Gesagten unzutreffende) bloße Feststellung, dass ein solches Anerkenntnis vorliege und dieses fortdauere. Interessant auch, dass hier die Rede von „en virtud del articulo 2“ ist. Denn zumal dieser Zustand nach Artikel 1 als rechtlich aufgehoben anzusehen ist, und ein Anerkenntnis bzw. eine verbindliche Einigung über den Verbleib der Gebiete nie zustande kam, ergibt sich aus diesem Sammelsurium von Regelungen, dass Chile das fragliche Gebiet zu Unrecht in Besitz hat.

Nach einer minutiösen Festlegung der Grenzen zwischen den beiden Staaten heißt es im Artikel III dieses Friedens in unserer deutschen Übersetzung, wie folgt:

Art. III. Zusammen mit dem Ende des Einengens der politischen und kommerziellen Beziehungen der beiden Republiken kommen die Hohen Vertrag schließenden Teile dahin überein, den Hafen von Arica mit der Oberstadt von La Paz vermittelst einer Eisenbahn zu verbinden, deren Bau auf ihre Kosten die Regierung von Chile innerhalb eines Zeitraumes von einem Jahr ab der Ratifizierung des gegenwärtigen Vertrags in Auftrag geben wird.

Der Bau einer Eisenbahn versteht sich unter wirtschaftlichen Aspekten von selbst und ersetzt nicht den Zugang zum Meer, wie ihn sich Bolivien in seiner eingangs zitierten Klage beim IGH vorstellt.

Zu erwähnen bleibt hier noch, dass Peru und Bolivien in Verträgen von La Paz, vom 20. April 1886 (MARTENS, N.R.G., 2ème serie, Tome XV, Göttingen [1891], 770), von La Paz, vom 23. September 1902 (MARTENS, N.R.G., 3ème serie, Tome II, Leipzig (1909), 836) und von La Paz, vom 17. September 1909 (MARTENS, N.R.G., 3ème serie, Tome III, Leipzig [1910], 59) die Grenzen zwischen deren nicht von Chile besetzten Gebieten geregelt haben, wodurch – angesichts der militärischen, wie gezeigt weder von Peru noch von Bolivien als rechtmäßig anerkannten Besatzung der Gebiete am Pazifik durch Chile – eine Abänderung der Vereinbarung laut Vertrag von Chuquisaca aus 1826 nicht erfolgen konnte.

Mit Vertrag von Lima, vom 3. Juni 1929 (94 LoNTS 402; im spanischen Original sowie in englischer und französischer Übersetzung) schließlich vereinbarten Chile und Bolivien, dass das Gebiet von Tacna und Arica, wes Zugehörigkeit mit dem oben zitierten Vertrag vom Ancón aus 1883 von einer Volksabstimmung abhängig gemacht wurde, dahin aufgeteilt werden soll, dass Tacna Peru und Arica Chile zugeschlagen wird.

Mit dieser Vereinbarung wurde die Fälligkeit der Verpflichtung Chiles begründet, nach dem oben zitierten Vertrag von Santiago aus 1895 das nunmehr erworbene Gebiet an Bolivien abzutreten, was bis heute nicht geschah.

Wir halten fest, dass wir die Standpunkte, welche Bolivien und Chile vor dem IGH vertreten, noch nicht studiert haben.

Allem Anschein nach ist Bolivien schon nach der bisher erörterten Vertragslage zwischen den Beteiligten mit seinem Anspruch auf Verhandlungen (als prozeduralem Minus gegenüber einem Anspruch auf Abtretung) im Recht. Doch wir behalten uns eine endgültige Stellungnahme zu dieser Frage für einen zweiten Teil dieses Beitrags vor, bis zum Studium des Memorials Boliviens im genannten Verfahren vor dem IGH, welches Bolivien offenbar noch vor der Erhebung des Einspruchs seitens Chile eingebracht hatte, und welches auf dessen Website bislang nicht abrufbar ist, obwohl auf es in den Ausführungen Chiles und Boliviens zu des Ersteren Einrede der Unzuständigkeit mehrfach verweisender Bezug genommen wurde.

8 Kommentare zu „Boliviens Anspruch gegen Chile auf Zugang zum Pazifik

    1. Herr Moser, ich freue mich sehr, wieder von Ihnen zu lesen. Und dann (im Vergleich zu früher) gleich so Erfreuliches. 🙂

      Ich habe Ihren Artikel über Bolivien gelesen, erachte ihn als sehr informativ und freue mich, mit dem meinen einen wahrscheinlich hilfreichen Beitrag geleistet zu haben, über den auch die hohen Herren und die solche Dame im Haag nicht hinweg können.

      Andererseits wird in wenigen Jahrzehnten, wenn erst die UNCLOS vollständig implementiert sein wird, auch ein Rechtsstreit wie der hier gegenständliche vor dem IGH obsolet sein.

      1. Im Gegensatz zu Ihren Aufsätzen habe ich in meinem den Juristen in mir mal einen Schritt zurücktreten lassen. Aber insbesondere die Kinder, die den IGH nachstellen, haben mein Herz erwärmt.

        1. Na ja, wenn ich meine Aufgabe auf Erden bislang darin gefunden hätte, (durchaus wertvolle) Vorort-Berichte zu erstatten, müsste ich den meinen in mir auch zurücktreten lassen. 🙂

          Die Foto-Szene mit den Kindern flößt einem, der längst im Bilde über das ist, was die so genannte Weltpolitik am meisten bewegt, nicht nur Herzenswärme, sondern auch Eiseskälte ein; letzteres freilich nur, was dabei generierte Gedanken an diese Art von Politik betrifft.

          1. Es ist auf jeden Fall die bessere Alternative als die Kinder zu militarisieren und in Kampfanzügen aufmarschieren zu lassen. Vor Bolivien muss zumindest keines der Nachbarländer Angst haben (außer vielleicht vor der Koka[in]-Produktion, aber dazu bald ein gesonderter Bericht).

            1. Also entweder Sie haben meine vorangegangene Antwort gründlich missverstanden, oder Sie sind auch nur einer von diesen, die Zukunft der Menschheit durch brachialen Raub der Identitäten unserer Kinder in den Abgrund treibenden Kriminellen.

              Denn meine Rede war (zwischen den Zeilen, was Ihnen als so weit Gereistem offenbar verborgen blieb) angesichts der für einen weltoffenen Kenner der Tatsachen evidenten Anspielung auf eben solche – wie die Kriminellen es euphemistisch nennen – Pädophilie in der Weltpolitik, welche (Anspielung) in Ihrem gegenständlichen Foto deutlich zu erkennen ist, von einer Seuche, welche weite Teile auch der Akteure auf dem weltpolitischen Parkett befallen hat; sodass Ihre Anknüpfung daran: es sei auf jeden Fall die bessere Alternative, als die Kinder zu militarisieren, der am reinsten zynische und (im schlechtesten, künstlichen Sinn des Wortes) barbarische Standpunkt ist, welchen man dazu vertreten kann, zumal solche Militarisierung gerade in Ländern wie jenen Lateinamerikas, die mit sexueller Gewalt gegen Kinder (seit den Zeiten Columbus‘) gleichsam groß geworden sind, die einzige, obschon umso tragischere zweckmäßige Reaktion auf solche hochverräterischen Umtriebe ist, welche jede Heranbildung von gesundem Nachwuchs, wie er für die Bewahrung der Souveränität einer Nation bzw. deren Staates von unabdingbarer Voraussetzung ist, auf bestialische und an Destruktion nicht zu übertreffende blasphemische Weise zunichte machen.

              Dass dabei der von Ihnen bereits erwähnte Drogenhandel mit Europa eine wesentliche Rolle spielt, liegt zwar auf der Hand, ändert aber angesichts des Umstands, dass für den Missbrauch der Droge und dessen Folgen schon die Europäer selbst verantwortlich sind, so ich diese richtig verstanden habe, nichts an der Verwerflichkeit Ihrer befremdlichen These, zu deren auflösender Klarstellung Sie eingeladen sind zu verdeutlichen, was Sie in Ihrem vorangegangenen Post mit „es“ (sei auf jeden Fall …), gemeint haben; wobei ich durchaus einräume, dass der Ihnen dabei verbleibende Spielraum äußerst gering ist, zumal sich dieses „es“ bei vorausgesetzter Ihrer Fähigkeit, die deutsche Sprache semantisch korrekt anzuwenden, wenn nicht auf das in Ihrer Antwort steckende Böse selbst, allein auf die zentrale Satzaussage meines Posts beziehen kann, und die liegt, in seinem relevanten zweiten Absatz,

              im Einflößen – angesichts dieser Art von Weltpolitik – nicht nur von Herzenswärme, sondern auch von Eiseskälte, wobei sich die dabei ausdrücklich angeführte Ursache dafür, nämlich die Art der Weltpolitik, durchaus erkennbar auf eben dieselbe bezog, welche zuvor mit dem, was sie am meisten bewege, in direktem Zusammenhang mit dem Foto angesprochen war, indem ich letzteres implizit als deren Motivation bezeichnet habe, worin die eigentliche Kritik lag;

              wobei, dies alles in exakt jener Weise misszuverstehen, wie Sie es (vielleicht) vorgeben, getan zu haben, angesichts der Tatsache, dass sich das bewegt im dritten Satzteil ja nur auf die durch das Foto hervorgerufene Motivation des IGH und nur dann auf jene (die letztere hervorrufende) Boliviens beziehen konnte, wenn man (trotz derart intensiver Weltgereistheit) entweder nicht die geringste Ahnung von den angesprochenen Tatsachen und deren Zusammenhängen hat, oder aber diese geflissentlich ignorieren, also missverstehen will, so oder so kein besonders günstiges Licht auf Ihre Intentionen noch Ihre Auffassungen von dem wirft, was Ihre Reisetätigkeiten, dem nunmehr offensichtlichen Anspruch Ihrer Blogseite nach beurteilt, zu rechtfertigen suchen soll.

              Sollte ich mich mit all dieser Einschätzung geirrt haben, werden Sie dies mit Sicherheit aufklären, schon um den Anschein zu vermeiden, dass Sie den Kontakt zu mir und meiner die Welt verändernden Blogseite einzig aus dem Grund gesucht hätten, die Ihre mit möglichst geringem und obendrein niederträchtigem Aufwand profitabler zu machen; wobei die Bestätigung dessen selbstredend Konsequenzen nach sich zu ziehen hätte.

                1. Nicht nur, dass Sie meine Frage nicht beantworten, Sie schieben die Hauptlast der Verantwortung für die Misere auch noch auf eine abstrakte Institution, welche doch letztlich von nichts anderem getragen worden ist denn von Menschen, wie, sozusagen, Sie und ich einer sind; wobei der so genannt pädophile Pöbel schon vor Jahrhunderten mit Gewalt dafür sorgte, dass die Kirche von seinesgleichen unterwandert wird, um so zu erreichen, dass sie aufhört, ihm den so verhassten und dabei so notwendigen Spiegel vorzuhalten, auf dass er seine Verbrechen salonfähig machen könne.

                  Ich harre also nach wie vor Ihres Eingehens auf meine Frage, Herr Moser.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: