Zur Entscheidung des Exekutivrats der OPCW vom 15. November 2013 über die Details der Zerstörung „Syrischer Chemiewaffen“ (EC-M-34/DEC.1)

Artikel I/2 der Chemiewaffenkonvention (CWC) lautet:

2. Each State Party undertakes to destroy chemical weapons it owns or possesses, or that are located in any place under its jurisdiction or control, in accordance with the provisions of this Convention.

Teil IV(A).B.7 (Destruction of Chemical Weapons and Its Verification Pursuant to Article IV) des Verification Annex‘ der CWC lautet:

7. Not later than when submitting its declaration of chemical weapons, a State Party shall take such measures as it considers appropriate to secure its storage facilities and shall prevent any movement of its chemical weapons out of the facilities, except their removal for destruction.

Auch wenn das der CWC ausdrücklich nicht zu entnehmen ist, so ergibt sich doch aus dem Umstand, dass, wie oben zitiert, die Verantwortlichkeit für die Zerstörung beim Eigentümer der Waffen liegt, und dass ein Staat außerhalb des Bereichs seiner Jurisdiktion keinerlei hoheitliche Machtbefugnisse hat, dass die Zerstörung der Chemiewaffen, für die er verantwortlich ist, innerhalb dieser seiner Jurisdiktion zu erfolgen hat.

Festzuhalten ist daher vorerst, dass das Rahmenkonzept der CWC die Zerstörung der Chemiewaffen in jenem Staat vorkehrt, in dem sie sich befinden. Dies dient dem Schutz vor dem Risiko, welches mit dem Transport von solchen Waffen mannigfaltig verbunden ist.

Im Rahmen seiner Befugnisse nach Artikel 41 UN-Charta ist der Sicherheitsrat (SR) der Vereinten Nationen (VN) zweifelsfrei befugt, vertragliche Rechte und Pflichten zu suspendieren bzw. abzuändern, wenn dies notwendig ist, internationalen Frieden und solche Sicherheit zu gewährleisten.

Davon hat der SR in seiner Resolution S/RES/2118(2013) Gebrauch gemacht, obschon ein Beschluss nach Artikel 39 UN-Charta, wonach durch die Präsenz der C-Waffenarsenale in Syrien der Weltfriede oder die internationale Sicherheit gefährdet sei, gar nicht erging; wenn er in deren operativem Punkt 10. beschloss, wie folgt:

The Security Council,

[…]

10. Encourages Member States to provide support, including personnel, technical expertise, information, equipment, and financial and other resources and assistance, in coordination with the Director-General of the OPCW and the Secretary-General, to enable the OPCW and the United Nations to implement the elimination of the Syrian Arab Republic’s chemical weapons program, and decides to authorize Member States to acquire, control, transport, transfer and destroy chemical weapons identified by the Director-General of the OPCW, consistent with the objective of the Chemical Weapons Convention, to ensure the elimination of the Syrian Arab Republic’s chemical weapons program in the soonest and safest manner;

[…].

Die Aufzählung der Tätigkeiten, zu denen der SR die Mitgliedstaaten autorisiert, bezieht sich auf jedes infrage kommende Mitglied insofern, als ein Mitgliedstaat, der sich an der Zerstörung der Chemiewaffen beteiligen will, alle diese Tätigkeiten insgesamt auszuführen hat: namentlich den Erwerb, die Kontrolle, den Transport, den Transfer und die Zerstörung des betreffenden, von ihm zugesagten Waffen(-Teil)-Arsenals. Nur so ist dem Zweck der CWC Genüge getan, wonach bei der Zerstörung der Chemiewaffen möglichst geringes Risiko für Mensch und Umwelt geschaffen werden soll, indem jeden, der bei der Zerstörung mitwirkt, volle Verantwortung dafür trifft.

Es geht daher nicht an, dass zB manche Staaten nur transportierten (ohne zu erwerben), während andere nur zerstörten (ohne zu erwerben). Zwar begründet nicht nur der Erwerb der Waffen die Verantwortlichkeit nach oben zitiertem Artikel I/2 CWC , sondern durchaus auch bloß deren Vorhandensein im Machtbereich (jurisdiction or control), wozu etwa auch ein Hochseeschiff oder erst recht ein Eisenbahnzug, der über ein Territorium rollt, zählen; doch wie zu zeigen sein wird, scheint diese zuletzt genannte Facette der Verantwortlichkeit mittels der jüngsten Entscheidung der OPCW ausgehebelt

Mit seiner Entscheidung: Detailed Requirements for the Destruction of Syrian Chemical Weapons and Syrian Chemical Weapons Production FacilitiesEC-M-34/DEC.1, vom 15. November 2013 verabschiedete der Exekutivrat (ER) der Organisation für das Verbot von chemischen Waffen (OPCW) diverse Details insbesondere zu einem Plan, in Syrien befindliche chemische Waffen außer Landes zu schaffen und dort einer Zerstörung zuzuführen.

Im Folgenden soll geklärt werden, ob sich diese Entscheidung an Internationales Recht hält. Dazu sei aus ihr im Folgenden zitiert:

The Executive Council,

[…]

Recalling also the letter of the Director-General dated 3 October 2013 transmitting the United Nations Security Council resolution 2118 (2013), dated 27 September 2013, which authorises States to, inter alia, “… transport, transfer and destroy chemical weapons identified by the Director-General of the OPCW, consistent with the objective of the Chemical Weapons Convention, to ensure the elimination of the Syrian Arab Republic’s chemical weapons program in the soonest and safest manner”; 

[…].

Wohlweislich und offenkundig mala fide wird hier – und zwar offenbar bereits in dem darin genannten, öffentlich nicht zugänglichen Brief des Generaldirektors der OPCW vom 3. Oktober 2013 – der wesentliche Teil der Aktivitäten, zu denen der SR die Mitgliedstaaten autorisiert, nämlich zu erwerben und zu kontrollieren, weggelassen.

Dass dies bewusst und gewollt zu einem Gesamtarrangement bei der Zerstörung der in Syrien befindlichen Chemiewaffen führen soll, welches davon geprägt ist, dass, salopp formuliert, niemand für nichts verantwortlich ist, zeigen die folgenden weiteren Textstellen aus der genannten Entscheidung des Exekutivrats der OPCW:

The Executive Council,

[…]

Recognising also that States Parties assisting in the destruction of Syrian chemical weapons, transporting Syrian chemical weapons from the territory of the Syrian Arab Republic to a State Party hosting destruction activities, or hosting destruction activities on their territory, pursuant to this decision and United Nations Security Council resolution 2118 (2013), must act in a manner “consistent with the objective of the Chemical Weapons Convention, to ensure the elimination of the Syrian Arab Republic’s chemical weapons program in the soonest and safest manner” and assign “the highest priority to ensuring the safety of people and to protecting the environment,” as specified in Article IV of the Convention;

Hier wird zwar ausdrücklich das Handeln auf eine Weise betont, die mit dem Zweck der CWC konform geht, doch zugleich wird eingangs des zitierten Erwägungsgrundes suggeriert, es gäbe auch die Möglichkeit sich nur beim Transport oder nur bei der Zerstörung zu betätigen.

Und weiter im Text der Entscheidung des Exekutivrats:

[…]

4. Affirms that the Syrian Arab Republic maintains ownership of its chemical weapons until they are destroyed, wherever the destruction might take place;

Wie oben zitiert, reicht das Eigentum für die aufrechte Verantwortlichkeit hin. Beachtenswert ist aber, dass hier nur von den Syrischen Chemiewaffen (its) die Rede ist, nicht aber von solchen, die etwa auf Syrischem Territorium von anderen Mächten aufgegeben worden sind.

Und weiter im Text:

5. Recognises that, upon removal of declared chemical weapons from its territory, the Syrian Arab Republic no longer has possession, nor jurisdiction, nor control over these chemical weapons;

Hier wird sogar offen zugestanden, dass dieser Verantwortung als Eigentümer keinerlei faktische Verfügungsgewalt gegenübersteht!

Und weiter im Text:

[…]

8. Requests the Director-General, in close consultation with States Parties offering to host a destruction facility or otherwise providing assistance with transport or destruction, to present to the Council for its consideration, not later than 17 December 2013, a plan for the destruction of chemical weapons outside the territory of the Syrian Arab Republic which includes provisions for ensuring clear responsibility at each stage for all chemicals and takes into account all relevant considerations, including the dates specified in paragraph 3 above, requirements for safety and security, and overall costs;

Auch wird zuerst wieder suggeriert, es gebe eine aufgespaltene Beteiligung an der Zerstörung der C-Waffen; um sodann paradoxer Weise für den vorzulegenden Plan Bestimmungen einzufordern, „welche klare Verantwortlichkeit zu jeder Lage für alle Chemikalien sicherstellen“. Damit wird bewirkt, dass auch jene, die nur transportieren, Verantwortung für die Zerstörung haben sollen, was sich nicht mit souveränen Rechten und Pflichten verträgt, wonach staatliche Verantwortung nur dort vorliegen kann, wo auch Möglichkeit zur staatlichen Einflussnahme gegeben ist.

Und weiter im Text:

[…]

11. Decides that, with respect to the destruction of chemical weapons removed from the territory of the Syrian Arab Republic, if the Director-General, in close consultation with a State Party hosting a destruction facility and relevant States Parties providing assistance with transport or destruction, determines that it will not be possible to ensure the destruction of chemicals according to a date specified in paragraph 3 above, he should immediately notify the Council, specifying the circumstances, and propose an alternative date for its consideration and approval, with a view to completing destruction as soon as possible;

Dem Verzug und dem Risiko der Verschleppung sowie der Beiseiteschaffung ist hier Tür und Tor geöffnet.

Doch damit nicht genug! Weiter im Text:

12. Decides that a State Party providing destruction assistance for Syrian chemical weapons, transporting Syrian chemical weapons from the Syrian Arab Republic to a State Party hosting destruction activities, or hosting destruction activities on its territory, subject to the requirement to act in a manner consistent with the object and purpose of the Convention:

(a) shall not be regarded as a possessor State Party or incur the obligations of a possessor State Party with respect to Syrian chemical weapons;

[…]

(e) is to facilitate observation of the transport and destruction of chemical weapons by representatives of the Syrian Arab Republic;

[…].

Wie oben zitiert, soll Syrien nicht mehr Besitzer sein, noch Jurisdiktion oder Kontrolle haben. Gleichwohl wird hier auch der Besitz der agierenden Staaten ausgeschlossen, was dazu führt, dass die eigentliche Verantwortung völlig offen bleibt.

Und weiter im Text:

13. Decides that facility agreements for chemical weapons storage facilities in the Syrian Arab Republic specifying the arrangements that shall govern inspections at such facilities pending the destruction or removal of the chemical weapons stored there, will be concluded between the Secretariat and the Syrian National Authority, and the Director-General will inform the Council accordingly upon conclusion;

[…]

15. Requests the Secretariat to develop, together with the relevant State Party hosting destruction activities and relevant States Parties providing assistance with destruction, for each destruction facility outside the Syrian Arab Republic an agreed detailed plan for verification and a draft facility agreement, and to forward them to the Council for review and approval, not later than 30 days before the facility begins operation. The review should be completed not later than 15 days before the facility begins operation;

[…].

Vom Transport ist in Punkt 15. keine Rede!

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Entscheidung des Exekutivrats der OPCW dazu tendiert, eine gemeinschaftliche, wechselweise Verantwortung aller beteiligter Staaten auch für das Handeln der jeweils anderen zu postulieren. Dies mag weltpolitisch zu begrüßen sein, spiegelt sich aber bei weitem (noch) nicht in den tatsächlichen Verhältnissen der internationalen Politik wieder.

Außerdem sind die möglichen Lücken in der Aufsicht und Kontrolle über die Vorgänge bei (insbesondere) Transport und Zerstörung unverkennbar. Offenbar soll die kritisierte Entscheidung dazu dienen, alle anderen außer jene, die bereits bisher involviert waren, von der Teilnahme an der Zerstörung der C-Waffen in Syrien abzuhalten, damit jene sodann freie Hand haben.

Die Entscheidung lässt aber Raum für völkerrechtskonforme Interpretation ihrer, eine welche verfolgt werden sollte, um eine sichere und zielführende Vorgangsweise sicherzustellen.

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