Zur Frage der Rechtswidrigkeit des gezielten Einzeleinsatzes von chemischen Kampfstoffen

Auf Einladung Russlands fand 1874 in Brüssel eine Konferenz statt, an der 15 europäische Staaten teilnahmen, und die sich zum Ziel gesteckt hatte, verbindliche Regeln zur Anwendung im Krieg aufzustellen.

Das Ergebnis war der Entwurf einer International Declaration concerning the Laws and Customs of War (Brussels Declaration 1874).

Ich zitiere aus dieser Erklärung:

Art. 12. The laws of war do not recognize in belligerents an unlimited power in the adoption of means of injuring the enemy.

Art. 13. According to this principle are especially forbidden:

(a) Employment of poison or poisoned weapons;

[…].

Zufolge der Weigerung mancher der 15 Staaten, diese Erklärung zu ratifizieren, trat sie nie in Kraft.

25 Jahre später, trat Im Haag eine illustre Konferenz von damaligen Weltmächten zur Ersten Haager Friedenskonferenz zusammen, die unter anderem das Übereinkommen, betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkrieges (II. Übereinkommen der I. Haager Friedenskonferenz; RGBl. 174/1913) verabschiedete. Unterzeichnermacht dieses Übereinkommens ist u. a. das Osmanische Reich. (Hier nicht geprüft wird, ob Syrien als Rechtsnachfolgestaat des Osmanischen Reichs in der Parteistellung zu diesem Übereinkommen anzusehen ist.)

Aus diesem Übereinkommen ist, aus dessen französischer Originalfassung, zu zitieren, wie folgt:

Article 22. Les belligérants n’ont pas un droit illimité quant au choix des moyens de nuire à l’ennemi.

Article 23. Outre les prohibitions établies par des conventions spéciales, il est notamment interdit:

a. d’employer du poison ou des armes empoisonnées;

[…].

Im Annexe 1 au Procès-Verbal de la Séance du 5 juillet n° 5, Section II, Chapitre I (MARTENS, N. R. G., 2ème Serie, Tome XXVI, Leipzig [1901], S. 64) heißt es dazu:

Les articles 22, 23 et 24 nouveaux correspondent exactement, sauf des modifications de rédaction, aux articles 12, 13 et 14 de la Déclaration de Bruxelles. L’article 23 commence par ces mots: „Outre les prohibitions établies par des Conventions speciales, il est notamment interdit: . . . . „.

Ces Conventions spéciales sont d’abord la Declaration de St. Pétersbourg de 1868, qui est toujours en vigueur, et puis toutes celles de même nature qui pourraient être conclues, notamment à la suite de la Conférence de la Haye. Il a paru à la Sous-Commission qu’une formule générale était préférable à l’ancienne rédaction qui mentionnait seulement la Déclaration de St. Pétersbourg.

Auch wenn, durch diesen Verweis auf spezielle Konventionen der oben, im Zitat der Brüsseler Erklärung 1874 fett hervorgehobene Passus „according to this Principle“ Im Haag redaktionell verloren ging, besteht doch kein Zweifel, dass Artikel 23 des II. Haager Übereinkommens unmittelbar an dessen Artikel 22, mithin an das Verbot der freien Wahl der Mittel, anschließt. Bei diesem Verbot wird betont, dass es um den Feind geht, der im Krieg geschädigt wird. Der Feind ist die gegnerische Nation bzw. deren Heer, freilich auch dessen einzelne Angehörige, doch steht im Kern des Begriffshofs „Feind“ (im Zusammenhang mit Krieg) zweifelsohne die feindliche Armee als Ganzes.

Ein weiteres Elaborat der I. Haager Friedenskonferenz ist die Erklärung über das Verbot der Verwendung von Geschossen mit erstickenden oder giftigen Gasen (RGBl. 176/1913).

Darin erklären die Parteien, dass

Les Puissances contractantes s’interdisent l’emploi de projectiles qui ont pour but unique de répandre des gaz asphyxiants ou délétères.

Im Annexe II au Procès-Verbal de la séance du 22 juin (MARTENS, aaO, S. 334) äußern sich Delegierte zur Konferenz dazu wie folgt:

Il s’agit, dit-il [le délégué de la marine Impériale de Russie (M. Schéine)], – sans parler des vitesses initiales dont il a été déjà question – de défendre l’emploi des projectiles qui répandent des gaz asphyxiants et délétères; comme la tâche de la Confèrence est de limiter les moyens de destruction, il parait logique de défendre l’emploi d’engins comme ceux dont il s’agit.

D’après son opinion personnelle, l’emploi de ces gaz asphyxiants peut être considéré comme barbare et équivalant à l’empoisonnement d’une rivière.

[…]

Le délégué des Etats-Unis d’Amérique (M. Mahan) répond „non“, en ajoutant qu’à son avis l’objection qu’un engin de guerre est barbare, a toujours été faite contre toutes les armes nouvelles, qui pourtant ont fini par être adoptées.

Au moyen-âge, on reprochait la cruauté aux armes à feu, plus tard aux obus et encore récemment aux torpilles. Il ne lui parait pas démontré que les projectiles à gaz asphyxiants seraient un engin inhumain ou cruel sans être décisif.

Schließlich kam es – nach der Aufnahme eines gleichlautenden Verbotstatbestands für Giftgase in die Pariser Vororteverträge – zum Genfer Protokoll 1925, dessen Beitrittsstaat Syrien ist. Darin heißt es auszugsweise:

The Undersigned Plenipotentiaries, in the name of their respective Governments:

Whereas the use in war of asphyxiating, poisonous or other gases, and of all analogous liquids, materials or devices, has been justly condemned by the general opinion of the civilized world;and 

Whereas the prohibition of such use has been declared in Treaties to which the majority of Powers of the world are Parties; and

To the end that this prohibition shall be universally accepted as a part of International Law, binding alike the conscience and the practice of nations;

Declare:

That the High Contracting Parties, so far as they are not already Parties to Treaties prohibiting such use, accept this prohibition, agree to extend this prohibition to the use of bacteriological methods of warfare and agree to be bound as between themselves according to the terms of this declaration.

Und hier heißt es nicht etwa in times of war, sondern in war!

Aus all dem folgt, dass der Vertragszweck, der stets hinter dem (sprachlich verschieden ausgestalteten) Verbot des Giftgaseinsatzes stand, der war, den Massenmord bzw. die massenhafte Zufügung grausamer Verletzungen, die mit unnötigen Schmerzen verbunden sind, zu verhindern.

Wenn das Genfer Protokoll 1925 ausdrücklich von einem Gebrauch im Kriege spricht, dann stellt es klar, dass ein Gebrauch im kriegsgleichen Gefechtszustand gemeint ist, der – um mit dem oben zitierten Russischen Delegierten zu sprechen – der Vergiftung eines Flusses gleichkommt.

Anders liegt die Chose hingegen, wenn vom Giftgasangriff einzelne, wenige unterscheidbare, gezielt betroffene Personen erfasst werden und die Dosis sowie chemische Zusammensetzung so gewählt ist, dass unmenschliche Schmerzen nicht resultieren, sondern nur vorübergehende Gefechtsunfähigkeit ohne bleibende ernste organische Schäden eintreten soll.

Ein solcher Einsatz erscheint völker-vertragsrechtlich nicht verboten.

20130507, 1306

Eine andere, hier vorerst unbehandelt gelassene Frage ist, ob solcher Einsatz allgemeinem Völkerrecht (allgemein anerkannten und naturrrechtlichen Grundsätzen des Völkerrechts) widerspricht; dies vor allem zu einer Zeit, da Forschung und Technik längst nicht letale Mittel hervorgebracht haben, Aggressoren in die Schranken zu weisen und Hitzköpfe zur Raison zu bringen.

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