Bretton Woods: Zur Frage der Geltung der Urfassung der Articles of Agreement des Internationalen Währungsfonds (IMF)

Die in Englisch authentische Urfassung der Articles of Agreement des International Monetary Fund (IMF) stammt aus dem Jahr 1944 und wurde in Österreich samt einer nicht authentischen deutschen Übersetzung in BGBl. 105/1949 kundgemacht. Die gemäß Artikel 102 UN-Charta registrierte Fassung samt einer nicht authentischen französischen Übersetzung findet sich in 2 UNTS 38.

Artikel VI der IMF-Artikel 1944 lautet auszugsweise:

Article VI
CAPITAL TRANSFERS
Section 1. Use of the Fund’s resources for capital transfers

(a) A member may not make net use of the Fund’s resources to meet a large or sustained outflow of capital, and the Fund may request a member to exercise controls to prevent such use of the resources of the Fund. If, after receiving such a request, a member fails to exercise appropriate controls, the Fund may declare the member ineligible to use the resources of the Fund.

(b) Nothing in this Section shall be deemed

(i) to prevent the use of the resources of the Fund for capital transactions of reasonable amount required for the expansion of exports or in the ordinary course of trade, banking or other business, or

(ii) to affect capital movements which are met out of a member’s own resources of gold and foreign exchange, but members undertake that such capital movements will be in accordance with the purposes of the Fund.

Das „net“ in Artikel VI.1.(a) als Adjektiv zu übersetzen, ergibt hier keinen Sinn. Allein die Übersetzung als Hauptwort, im Sinne von „Netzgebrauch“ oder auch „Fallengebrauch“ ergibt Sinn: Unerwünschten Kapitalabflüssen kann am Internationalen Finanzmarkt dadurch begegnet werden, dass mittels des systematischen Einsatzes von Kapital (eines netzartigen, Fallen stellenden Einsatzes), insbesondere im Rahmen von Derivativgeschäften großen Stils, gezielt Kapital von anderen Märkten abgezogen und dem eigenen wieder zugeführt wird, indem das Kursverhalten jener Werte, auf die dabei seitens der Kontrahenten gewettet wird, beeinflusst wird. Zu solchen Machenschaften soll die Verwendung der Ressourcen des Fonds (the Fund’s resources) verboten sein. Erhebt sich die Frage, was unter the Fund’s resources zu verstehen sei, namentlich insbesondere, ob dies etwas anderes sei als the resources of the Fund. Die IMF-Artikel verwenden beide Wendungen mehrfach und an je unterschiedlicher Stelle.

Wir behaupten, dass mit the Fund’s ressources alle freien Haushaltsmittel der Mitglieder des Fonds gemeint sind, welche zur Veranlagung auf den Finanzmärkten oder aber eben auch zur Quotenerhöhung beim IMF verwendet werden könnten; während the resources of the Fund jene Mittel meint, die zum Abruf durch jedes Mitglied beim Fonds zur Verfügung stehen.

Im Ergebnis bedeutet dies, dass Artikel VI.1 IMF-Artikel den IMF-Mitgliedern (und freilich deren Staatsangehörigen) verbietet, solchen, wie oben beschriebenen Netzgebrauch von Veranlagungskapital zu machen, sprich: dass damit jene Finanztransaktionen allgemein verboten werden, welche dazu führen, dass durch Kursmanipulationen und darauf abgeschlossene Wetten in großem Stil Kapital in großem Stil verschoben wird.

Dass unser Verständnis vom Begriff the Fund’s resources richtig ist, zeigt Artikel VI.1.(b).II, wo die Rede von capital movements which are met out of a member’s own resources of gold and foreign exchange ist: Wären the Fund’s resources sowie the resources of the Fund synonym als Mittel des Fonds zu verstehen, die seinen Mitgliedern zur zeitweiligen Verfügung stehen, dann hätte es der Ausnahmebestimmung des Artikels VI.1.(b).ii nicht bedurft, weil dann von Vornheirein klar wäre, dass eigene Mittel der Mitglieder vom Verbot nicht betroffen sein sollen, sondern nur solche, die vom Fonds herstammen.

Wir halten demnach fest, dass die IMF-Artikel in ihrer Fassung von Bretton Woods ein allgemeines Verbot für Kapitaltransfers mittels systematischer kursmanipulativer Derivatgeschäfte vorkehrt. Dieses Verbot ist insbesondere für die Länder der Dritten Welt von eminenter Bedeutung, führt es doch zum Schutz deren fragiler Kapitalstruktur und so zur Erlangung des Ziels nach Artikel I.ii IMF-Artikel 1944, to facilitate the expansion and balanced growth of international trade, and to contribute thereby to the promotion and maintenance of high levels of employment and real income and to the development of the productive resources of all members as primary objectives of economic policy. Man kann dieses Verbot durchaus als wesentlichen Bestandteil des Gefüges der IMF-Artikel in der Fassung von Bretton Woods bezeichnen.

Die IMF-Artikel 1944 wurden erstmals 1968 novelliert. Bereits mit seiner Resolution 22-8 aus 1967 trug der Gouverneursrat des IMF seinen Exekutivdirektoren auf, diverse Änderungen der IMF-Artikel auszuarbeiten. Mit Resolution  23-5 aus 1968 billigte der Gouverneursrat solche Änderungen, welche nach Artikel XVII IMF-Artikel 1944 am 28.7.1969 in Kraft traten, in Österreich mit BGBl. 345/1969 kundgemacht worden sind und auch den Wortlaut des Artikels VI betrafen.

Desweiteren wurden die IMF-Artikel im Jahre 1976 im Wege der Resolution 31-4 des Gouverneursrates des IMF modifiziert; diese Änderung wurde in Österreich in BGBl. 189/1978 kundgemacht und betraf gleichfalls Artikel VI.

Die Fassung des Artikels VI, welche als die aktuelle heute auf der Homepage des IMF abrufbar ist, ist die folgende:

Section 1. Use of the Fund’s general resources for capital transfers

(a) A member may not use the Fund’s general resources to meet a large or sustained outflow of capital except as provided in Section 2 of this Article, and the Fund may request a member to exercise controls to prevent such use of the general resources of the Fund. If, after receiving such a request, a member fails to exercise appropriate controls, the Fund may declare the member ineligible to use the general resources of the Fund.

(b) Nothing in this Section shall be deemed:

(i) to prevent the use of the general resources of the Fund for capital transactions of reasonable amount required for the expansion of exports or in the ordinary course of trade, banking, or other business; or

(ii) to affect capital movements which are met out of a member’s own resources, but members undertake that such capital movements will be in accordance with the purposes of the Fund.

Section 2. Special provisions for capital transfers

A member shall be entitled to make reserve tranche purchases to meet capital transfers.

Section 3. Controls of capital transfers

Members may exercise such controls as are necessary to regulate international capital movements, but no member may exercise these controls in a manner which will restrict payments for current transactions or which will unduly delay transfers of funds in settlement of commitments, except as provided in Article VII, Section 3(b) and in Article XIV, Section 2.

Insbesondere durch die fett hervorgehobenen Passagen wird deutlich, dass das ursprüngliche Verbot aus 1944 erheblich verwässert, wenn nicht aufgehoben worden ist.

Alle hier eröterten Änderungen der Artikel von Bretton Woods erfolgten unter Berufung auf Artikel XVII.(a) und (c) der IMF-Artikel, welcher in seiner Urfassung (1944) lautete wie folgt:

(a) Any proposal to introduce modifications in this Agreement, whether emanating from a member, a governor or the Executive Directors, shall be communicated to the chairman of the Board of Governors who shall bring the proposal before the Board. If the proposed amendement is approved by the Board the Fund shall, by circular letter or telegram, ask all members whether they accept the proposed amendment. When three-fifths of the members, having four-fifths of the total voting power, have accepted the proposed amendment, the Fund shall certify the fact by a formal communication addressed to all members.

[…]

(c) Amendments shall enter into force for all members three months after the date of the formal communication unless a shorter period is specified in the circular letter or telegram.

Die Rede ist also von dem Vorschlag, Änderungen in diese Übereinkunft einzuführen, der – so er von drei Fünftel angenommen wird – für alle gelten soll. Daraus erhellt, dass es sich bei dem in Artikel XVII vorgesehenen Änderungsverfahren um ein besonderes handelt, das nach dem Mehrheitsprinzip sogar jene Mitglieder binden soll, die nicht zustimmen!

Eine solche gravierende Maßnahme ist nur denkbar, wenn die Änderungen (modifications, amendments) nicht solche sein können, welche das Wesen der Vereinbarung abändern.

Ganz dementsprechend finden wir zum Verb to amend bei WHITNEY, The Century dictionary and cyclopedia, Band I, New York (1904), S. 173, was folgt:

I. trans. 1. To free from faults; make better, or more correct or proper ; change for the better ; correct ; improve ; reform. […] 2. To make a change or changes in the form of, as a bill or motion, or a constitution ; properly, to improve in expression or detail, but by usage to alter either in construction, purport, or principle.

Und ebendort zum Hauptwort amendment:

[…] 4. An alteration of a legislative or deliberative act or in a constitution ; a change made in a law, either by way of correction or addition.

Amend stammt von lateinisch emendo. Dazu finden wir bei GEORGES, Ausführliches lateinisch-deutsches und deutsch-lateinisches Handwörterbuch, Band I, Leipzig (1869), Sp. 1778, was folgt: etwas von Fehlern befreien, […] an etwas bessern, feilen, etwas berichtigen, vervollkommnen.

Angesichts der gravierenden Folgewirkung der Bindung an das Amendment, auch wenn ihm bloß drei Fünftel der Mitglieder zugestimmt haben, wird umso deutlicher, dass Artikel XVII sehr eng auszulegen ist, sodass durch sein Verfahren nur solche Änderungen der Artikel herbeigeführt werden können, welche die Substanz des Fonds nicht berühren. Daher spricht er auch in seinem Abschnitt (a) von dem Vorschlag, Änderungen in diese Übereinkunft einzuführen. Daraus folgt, dass die Übereinkunft dieselbe bleiben muss. Noch deutlicher aber kommt durch die Verwendung des Begriffs des amendment in Satz 2 dieses Abschnitts zum Ausdruck, dass (bei Anwendung des Verfahrens nach Artikel XVII) bloß Verbesserungen und Korrekturen bestehender, mithin fehlerhafter Bestimmungen zulässig sind.

Wir behaupten, und haben hier hinreichend dargetan, dass der heute als aktuell bezeichnete Text des Artikels VI eine gravierende Aufweichung des Prinzips der wertgebundenen Kapitalwanderung bedeutet. Die gegenüber der ursprünglichen Fassung des Artikels VI eingetretenen Änderungen hätten niemals im Wege des Artikels XVII beschlossen werden dürfen, weil sie die Substanz der Übereinkunft betreffen und nicht nur Verbesserungen oder Korrekturen, sondern sogar Verschlechterung bedeuten.

Allerdings kommt in keiner der oben zitierten Resolutionen des Gouverneursrats betreffs der Änderungen aus 1968 und/oder 1976 rücksichtlich des Altbestandes der IMF-Artikel das Wort aufheben vor. Die Urfassung von Bretton Woods wurde somit damit nicht aufgehoben, sondern lediglich ergänzt. So lautet der Einführungsartikel der IMF-Artikel sowohl in der Fassung von 1968 als auch in jener von 1976 im Wesentlichen jeweils wie folgt: […] in accordance with the Provisions of this agreement as originally adopted and as subsequently amended […], was klar darauf hindeutet, dass sowohl die Urfassung als auch die abgeänderte gelten, wobei – nach dem hier zuvor Gesagten – die Urfassung den Vorrang zu haben hat, soweit sich diese Fassungen substantiell widersprechen.

Im Ergebnis ist das Verbot von systematischen Derivatgeschäften zur Verhinderung von Kapitalabflüssen nach wie vor aufrecht, sodass all diese Termingeschäfte und Derivatfazilitäten, von denen seit Monaten medial die Rede ist, als verboten anzusehen sind.

2 Kommentare zu „Bretton Woods: Zur Frage der Geltung der Urfassung der Articles of Agreement des Internationalen Währungsfonds (IMF)

  1. Ich glaube, dass „net use“ ein Fachbegriff ist, der im Englischen eine spezielle Bedeutung hat. So wie in der gestrigen Diskussion über die Gewaltenteilung in den USA, bei der letztlich herauskam, dass dem Begriff zwei unterschiedliche Bedeutungen (in den USA?) zugemessen wurden, dürfte es auch hier sein.
    Net use of funds scheint vielleicht dieselbe Bedeutung zu haben wie use of the fund’s general resources.
    Beispiele gegooglt:
    …That means that when reserves rise, they are a net use of funds…
    ….If a current asset account and a current liability account both increase by the same amount, there is a net use of funds…..
    …..The IMF uses this basic division, but they call the Capital Account the “Financial ….. That means that when reserves rise, they are a net use of funds …
    mfG
    umthun

    1. Wenn aus dem Internet zitiert wird, sollte immer die Quell-URL angeführt werden, damit das überprüfbar ist.

      So habe ich ausschließlich das erste von Ihnen angeführte Zitat gefunden, und zwar unter: http://faculty.washington.edu/danby/bls324/macro/categories.html .

      Hier wird das „net“ aber klar adjektivisch (und übrigens in ganz anderem Zusammenhang) gebraucht, im Gegensatz zur adverbiellen Verwendung des Subjekts „net“ im Artikel VI IMF-Artikel.

      Aber danke für Ihren Beitrag.

      P.S.: Ich habe selbst bei der Suche nach einer zielführenden Übersetzung nach dem Begriff im Netz gesucht. Und nichts gefunden. Dass jetzt plötzlich etwas aufscheint, kann somit auch Propagandazwecke haben.

      Es wäre nicht das erste Mal, dass Sprachbedeutung eigens verändert wurde, um bestimmten Begriffen in Verträgen zu entsprechen.

      Es gibt nichts, was heute nicht manipuliert wird. Und gehen tut es ja gegenständlich um genug!

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