Zur Frage einer Verpflichtung Irans, Parchin zu öffnen.

In seinem Bericht: Implementation of the NPT Safeguards Agreement and relevant provisions of Security Council resolutions in the Islamic Republic of Iran, vom 8.11.2011, GOV/2011/65, führt der Generaldirektor der IAEA u. a. aus wie folgt:

49. Other information which the Agency has been provided by Member States indicates that Iran constructed a large explosives containment vessel in which to conduct hydrodynamic experiments. The explosives vessel, or chamber, is said to have been put in place at Parchin in 2000. A building was constructed at that time around a large cylindrical object at a location at the Parchin military complex. A large earth berm was subsequently constructed between the building containing the cylinder and a neighbouring building, indicating the probable use of high explosives in the chamber. The Agency has obtained commercial satellite images that are consistent with this information. From independent evidence, including a publication by the foreign expert referred to in paragraph 44 above, the Agency has been able to confirm the date of construction of the cylinder and some of its design features (such as its dimensions), and that it was designed to contain the detonation of up to 70 kilograms of high explosives, which would be suitable for carrying out the type of experiments described in paragraph 43 above.

50. As a result of information the Agency obtained from a Member State in the early 2000s alleging that Iran was conducting high explosive testing, possibly in association with nuclear materials, at the Parchin military complex, the Agency was permitted by Iran to visit the site twice in 2005. From satellite imagery available at that time, the Agency identified a number of areas of interest, none of which, however, included the location now believed to contain the building which houses the explosives chamber mentioned above; consequently, the Agency’s visits did not uncover anything of relevance.

51. Hydrodynamic experiments such as those described above, which involve high explosives in conjunction with nuclear material or nuclear material surrogates, are strong indicators of possible weapon development. In addition, the use of surrogate material, and/or confinement provided by a chamber of the type indicated above, could be used to prevent contamination of the site with nuclear material. It remains for Iran to explain the rationale behind these activities.

Im operativen Punkt 8. seiner Resolution 1737 (2006) vom 27.12.2006, S/RES/1737(2006), beschloss der Sicherheitsrat (SR) der Vereinten Nationen (VN) u. a.,

that Iran shall provide such access and cooperation as the IAEA requests to be able to verify the suspension outlined in paragraph 2 and to resolve all outstanding issues, as identified in IAEA reports […].

Demnach soll Iran der IAEA solchen Zugang gewähren, um den sie ersucht, um fähig zu sein, zu verifizieren bzw. zu lösen. Hier ist also vorerst – der Veranschaulichung willen drastisch – festzuhalten, dass Iran Zugang nicht zu gewähren bräuchte, wenn die IAEA um solchen ersuchte, um beispielsweise Industriespionage zu betreiben. Der einzige zulässige Zweck des Ersuchens hat vielmehr zu sein, die IAEA zu befähigen, die ausstehenden Fragen zu lösen.

Die sich aufdrängende Frage ist nun, wer über dieses offenkundig auslegungsbedürftige Moment bestimmt: Wer befindet darüber, ob der Zweck eines konkreten Ersuchens ist, die IAEA zur Lösung der Fragen zu befähigen, oder ob es etwa überschießend und unnötig sei.

Artikel 25 UN-Charta lautet:

The Members of the United Nations agree to accept and carry out the decisions of the Security Council in accordance with the present Charter.

Über Artikel 1/1 UN-Charta haben bei der Auslegung der Resolutionen des SR somit auch the principles of justice and international law einzufließen. Und Artikel 102/2 UN-Charta lässt e contrario darauf schließen, dass Mitglieder der VN sich vor den Organen der VN auf danach registrierte Verträge berufen können:

No party to any such treaty or international agreement which has not been registered in accordance with the provisions of paragraph 1 of this Article may invoke that treaty or agreement before any organ of the United Nations.

Es versteht sich nun von selbst, dass Iran selbst als Adressat der oben zitierten Resolution 1737 nach Artikel 25 UN-Charta befugt und verpflichtet ist, deren Inhalt nach dem Völkerrecht auszulegen.

Oben zitierter operativer Punkt 8. der Resolution 1737 besagt über den erörterten Zweck der Ersuchen um Zugang ferner, dass sich die Befähigung der IAEA auf die Lösung von solchen Fragen beziehen muss, wie sie in IAEA-Berichten identifiziert worden sind. In welchen Berichten konkret, wird nicht gesagt.

Im Punkt 41 seines Berichts: Implementation of the NPT Safeguards Agreement in the Islamic Republic of Iran, vom 2.9.2005, GOV/2005/67, führt der GD der IAEA u. a. aus wie folgt:

The Agency has discussed with the Iranian authorities open source information relating to dual use equipment and materials which have applications in the conventional military area and in the civilian sphere as well as in the nuclear military area. As described by the DDG-SG in his 1 March 2005 statement to the Board, in January 2005, Iran agreed, as a transparency measure, to permit the Agency to visit a site located at Parchin in order to provide assurance regarding the absence of undeclared nuclear material and activities at that site. Out of the four areas identified by the Agency to be of potential interest, the Agency was permitted to select any one area. The Agency was requested to minimize the number of buildings to be visited in that area, and selected five buildings. The Agency was given free access to those buildings and their surroundings and was allowed to take environmental samples, the results of which did not indicate the presence of nuclear material, nor did the Agency see any relevant dual use equipment or materials in the locations visited. In the course of the visit, the Agency requested to visit another area of the Parchin site. The Agency has been pursuing this matter with Iran since then with a view to being able to access the locations of interest at Parchin.

Parchin wurde also schon einmal von der IAEA untersucht, und es wurde nichts Rechtswidriges gefunden. Die Informationen über Parchin, wie sie sich aus dem Bericht GOV/2011/65 darstellen, sind offenbar neu und nach der Resolution 1737 (2006) aufgetaucht. Schon deshalb scheint Punkt 8. der genannten Resolution auf Parchin nicht anwendbar.

Viel wichtiger aber ist folgendes:

Wie ich in diesem Blog schon mehrfach [Suchstichwort: manufacture] gezeigt habe, verbietet Artikel II NPT lediglich to manufacture nuclear weapons, also die Herstellung von Kernwaffen; nicht aber deren Erforschung und theoretische Entwicklung oder auch Erprobung in Einzelteilen, solange dabei spaltbares Material nicht dazu verwendet wird , die Kernwaffe tatsächlich herzustellen.

Selbst wenn also wahr wäre, dass Iran in Parchin Versuche an Sprengzündern unternommen hat, wäre das kein Verstoß gegen Artikel II NPT. Somit kann auch keine relevante, zu lösende Frage im Sinne des zitierten Punkt 8. der Resolution 1737 sein, ob Iran in Parchin solche Sprengversuche durchführt, denn er dürfte dies tun.

Außerdem ist in Artikel III NPT klar und deutlich stipuliert, dass safeguards required by this Article shall be applied on all source or special fissionable material in all peaceful nuclear activities within the territory of such State, under its jurisdiction, or carried out under its control anywhere.

Iran tut daher recht, wenn er nach Artikel 25 UN-Charta befindet, dass der Zugang der IAEA zu Parchin diese nicht dazu befähigen würde, ausstehende Fragen, wie sie in den Berichten der IAEA identifiziert worden sind, zu lösen. Denn diese Frage zu lösen, ist ausschließlich Rechtskenntnis nicht aber solcher Zugang vonnöten.

20121215, 1215

Hinzukommt, dass oben zitierter operativer Punkt 8. der Resolution 1737 (2006) völlig unzureichend determiniert wäre, würde er denn anders verstanden werden als dahin, wie er hier ausgelegt worden ist:

Feststeht jedenfalls dass der unter Artikel 41 UN-Charta verabschiedete Punkt 8. niemals mit Waffengewalt durchgesetzt werden dürfte, weil er, wie gezeigt, zu wenig determiniert ist, um gewaltsam exsequiert zu werden. Man stelle sich vor, es würde mit UN-Waffengewalt vorgegangen werden, um Iran dazu zu zwingen, dazu beizutragen, die (angeblich) offenen Fragen zu lösen; und Iran lenkte dann ein, sodass die Waffengewalt zu beenden wäre: Was könnte als solches Einlenken angesehen werden? Was müsste Iran tun, damit solche Waffengewalt aufhörte? Vor diesen Fragen wird deutlich, wie undeutlich Punkt 8. verfasst ist, indem er auf to be able abstellt.

Auch darin kommt die Rechtsauffassung des SR zum Ausdruck, wonach die IAEA und jene, die treibend hinter ihr stehen, über’s Ziel geschossen haben, indem sie verlangen, dass Iran seine Anreicherungsaktivitäten einstelle, „um Vertrauen zu erzeugen“. Vgl. dazu etwa washingtonpost. com, vom 15.12.2012: New nuclear talks with Iran may be possible in coming weeks, U.S. says.

Die Konzeption des Rechtes auf friedvolle Entwicklung von Forschung, Erzeugung und Nutzung der Kernenergie nach Artikel IV NPT unter dem Vorbehalt der Artikel I und II NPT setzt naturgemäß Vertrauen in die Berechtigten voraus, weil die Ausübung dieses Rechtes naturgemäß die Erlangung der Fähigkeit, Kernwaffen zu bauen, mit sich bringt. Die Forderung nach solchem Vertrauen kann daher nicht so weit führen, dass („zum Beweis desselben“) Teile jener Aktivitäten eingestellt werden, welche Gegenstand des Rechtes sind, dessen Ausübung Vertrauen bedingt.

Dies gilt umso mehr, als, wie gezeigt, Nichtkernwaffenstaaten nach Artikel II sogar nicht einmal verboten ist, Kernwaffenprogramme (zu Verteidigungszwecken) theoretisch zu entwickeln und zu erforschen. Der Grat, auf dem (auch) Nichtkernwaffenstaaten gemäß ihrer Rechte unter dem NPT wandeln, ist definitionsgemäß extrem schmal, zugleich aber extrem erhaben, weil die Ausübung der besagten Rechte nach Artikel IV und II NPT Macht einräumen bzw. Macht bedingen. Das ist zu akzeptieren, weil es im NPT so paktiert ist! Es geht nicht an, dass diese Vertragsrechtslage, die im Übrigen allgemeinen Rechtsgrundsätzen völlig entspricht, unter fadenscheinigen Vorwürfen ausgehebelt wird.

Es geht insbesondere nicht an, dass der Vorwurf, Iran mache etwas (was ihm nach Artikel II NPT gar nicht verboten ist!), dazu herangezogen wird, ein angebliches Bedürfnis nach Vertrauensbeweisen zu rechtfertigen, und darüber das Postulat aufzustellen, Iran müsse seine (vertragskonformen!) Nuklearaktivitäten einstellen.

Die westlichen Hegemonialmächte, und allen voran die USA verfolgen hier eine komplett unlogische Position, die gar nicht anders kann, als ihnen zur Niederlage in diesem Rechtsstreit zu gereichen.

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