Zum Iran-Bericht der IAEA aus August 2012 (GOV/2012/37)

Im Folgenden sollen die wesentlichen Schwachpunkte des neuesten Berichts des Generaldirektors (GD) der IAEA betreffend Implementation of the NPT Safeguards Agreement and relevant provisions of Security Council resolutions in the Islamic Republic of Iran, vom 30.8.2012 (GOV/2012/37) erörtert werden, wobei sukzessive mit der Abfolge der Ausführungen im Bericht vorgegangen wird:

In Punkt 2. der Einführung zu seinem genannten Bericht führt der GD aus:

The Security Council has affirmed that the steps required by the Board of Governors in its resolutions are binding on Iran.

In einer Fußnote 3 heißt es dazu:

In resolution 1929 (2010), the Security Council: [2] affirmed, inter alia, that Iran shall, without further delay, take the steps required by the Board in GOV/2006/14 and GOV/2009/82; [3] reaffirmed Iran’s obligation to cooperate fully with the IAEA on all outstanding issues, particularly those which give rise to concerns about the possible military dimensions of the Iranian nuclear programme; [5] decided that Iran shall, without delay, comply fully and without qualification with its Safeguards Agreement, including through the application of modified Code 3.1 of the Subsidiary Arrangements; and called upon Iran to act strictly in accordance with the provisions of its Additional Protocol and to ratify it promptly.

Die in eckigen Klammern stehenden Zahlen wurden von mir hinzugefügt und bezeichnen die operativen Punkte der genannten Resolution 1929 (2010), in welchen die jeweiligen Zitatabschnitte zu finden sind. Allein, diese sind wesentlich unvollständig.

Ad [2]:

Das hier angeführte Zitat ist rudimentär und setzt sich in der Resolution wie folgt fort:

… which are essential to build confidence in the exclusively peaceful purpose of its nuclear programme, to resolve outstanding questions and to address the serious concerns raised by the construction of an enrichment facility at Qom in breach of its obligations to suspend all enrichment-related activities.

Wobei der am Anfang stehende Nebensatz unter Berücksichtigung völkerrechtlicher Prinzipien der Souveränität und der Achtung als Konzessivsatz dahin zu verstehen ist, dass Iran nur jene steps unternehmen soll, die dem nachfolgend angeführten Zwecken zu dienen geeignet sind, wobei die concerns offenbar deshalb bestehen, weil seitens der sie Hegenden von einem Verpflichtungsbruch seitens Iran ausgegangen wird, namentlich irrtümlich ausgegangen wird.

Ad [3]:

Dieses rudimentäre Zitat setzt sich fort wie folgt:

[…] and stresses the importance of ensuring that the IAEA have all necessary resources and authority for the fulfilment of its work in Iran.

Das hervorgehobene necessary schränkt den Auftrag zur Zusammenarbeit nachträglich wieder ein auf das rechtlich Nötige.

Ad [5]:

Operativer Punkt 5. lautet insgesamt:

Decides that Iran shall without delay comply fully and without qualification with its IAEA Safeguards Agreement, including through the application of modified Code 3.1 of the Subsidiary Arrangement to its Safeguards Agreement, calls upon Iran to act strictly in accordance with the provisions of the Additional Protocol to its IAEA Safeguards Agreement that it signed on 18 December 2003, calls upon Iran to ratify promptly the Additional Protocol, and reaffirms that, in accordance with Articles 24 and 39 of Iran’s Safeguards Agreement, Iran’s Safeguards Agreement and its Subsidiary Arrangement, including modified Code 3.1, cannot be amended or changed unilaterally by Iran, and notes that there is no mechanism in the Agreement for the suspension of any of the provisions in the Subsidiary Arrangement;

Hier fordert der SC Iran offensichtlich auf, das safeguards agreement zu kündigen bzw. zu widerrufen: „ohne Einschränkung“, also – nach logischen Grundsätzen alternativ allein zur Verfügung stehend – mit Terminierung und Neuverhandlung bzw. Neubeauftragung; oder aber der SC irrt rechtlich, weil Artikel 39 desselben bzw. die dort angeblich normierte Unzulässigkeit des einseitigen Widerrufs gegen die IAEA-Statuten, namentlich deren Artikel III.A.5., 2. Fall verstößt, wonach die IAEA bloße Auftragsempfängerin und statutarisch nicht dazu befugt ist, solch (seitens ihres Auftraggebers) unwiderrufliche verbindliche Vereinbarungen zu schließen. Das läuft auch dem Souveränitätsprinzip zuwider.

Besagter Artikel 39 des safeguardAbkommens mit Iran lautet:

The Government of Iran and the Agency shall make Subsidiary Arrangements which shall specify in detail, to the extent necessary to permit the Agency to fulfil its responsibilities under this Agreement in an effective and efficient manner, how the procedures laid down in this Agreement are to be applied. The Subsidiary Arrangements may be extended or changed by agreement between the Government of Iran and the Agency without amendment of this Agreement.

Der Satz, aus dem die besagte Unzulässigkeit herausgelesen wird, ist fett hervorgehoben. Diese Bestimmung meint freilich etwas ganz anderes: nämlich dass durch solche Subsidiary Arrangements, die in der Form der (keiner Ratifikationspflicht unterworfenen, sog. Verwaltungs-)Vereinbarung zwischen Iran und IAEA zustande kommen, das vorliegende Abkommen nicht geändert werden soll. Dies allein sagt für sich genommen freilich gar nichts über eine Unzulässigkeit der einseitigen Änderung sowohl von solchen Subsidiary Arrangements wie auch des safeguards-Abkommens überhaupt aus. Im Gegenteil! Der einzige Umkehrschluss der aus dem fett hervorgehobenen Satz seriöser Weise gezogen werden kann, ist der, dass (zwar nicht durch Subsidiary Arrangements, sehr wohl aber) durch unilaterale Vorgabe seitens Iran sowohl Subsidiary Arrangements wie auch das safeguards-Abkommen geändert werden können. Dies allein geht konfrom mit der bereits mehrfach erörterten Rechtslage betreffs der Natur der Leistungserbringung der IAEA im Rahmen von ersuchten safeguards-Anwendungen iSd Artikels III.A.5., 2. Fall IAEA-Statut. 

In Punkt 3. der Einführung führt der GD aus:

By virtue of its Relationship Agreement with the United Nations, the Agency is required to cooperate with the Security Council in the exercise of the Council’s responsibility for the maintenance or restoration of international peace and security.

Damit ist offensichtlich auf Artikel IX des genannten Abkommens zwischen der UN und der IAEA (Agreement Governing the Relationship Between the United Nations and the International Atomic Energy Agency) angespielt, der da lautet:

The Agency shall co-operate with the Security Council by furnishing to it at its request such information and assistance as may be required in the exercise of its responsibility for the maintenance or restoration of international peace and security.

Erübrigt sich, darauf hinzuweisen, dass der IAEA-Bericht, das, was in Artikel IX steht und durch die hauptsächliche Verantwortung des SC gemäß Artikel 24 UN-Charta untermauert wird, in schamloser und anmassender Weise dahin missinterpretiert hat, der IAEA stünde allein aufgrund des genannten Abkommens (also sogar noch ohne jeweilige Aufforderung im Einzelfall seitens des SC) zu, sich (gar autoritativ) um Friede und Sicherheit zu kümmern. In Artikel IX steht denn auch nicht, dass die IAEA in der Wahrnehmung der Verantwortung kooperieren soll, sondern dass sie solche Information und Hilfe leisten soll, welche in der Wahrnehmung der Verantwortung durch den SC erforderlich sind. Die Ägide bleibt beim SC!

Es ist in der Tat famos, wie augenscheinlich „politisch“ hier vorgegangen wird, um Macht dort zu konzentrieren, wo sie nach dem Völkerrecht nicht hingehört, sei es, weil anderes vereinbart ist, sei es, weil die Voraussetzungen dafür nicht vorliegen.

Auch im nächstfolgenden Satz des Punktes 3. der Einführung unterschlägt der Bericht das Wesentliche in Artikel 25 UN-Charta, nämlich folgenden Nebensatz: „in accordance with the present Charter„; nur so sollen die Mitgliedstaaten die Resolutionen des SC annehmen und umsetzen, und nicht blindlinks und etwa selbst für den Fall, dass sie rechtsirrig sein sollten!

In Punkt 8. des Berichts heißt es:

Iran has not provided the Agency with access to the location within the Parchin site to which the Agency has requested access.

Noch nicht einmal nach den Vorwürfen, die im Westen Iran in Bezug auf Parchin gemacht werden, kommt vor, dass Iran dort mit spaltbarem Material in signifikanter Menge hantiert oder aber die A-Bombe manufactured habe. Nur dann, wenn eine dieser beiden Voraussetzungen vorläge, wäre die Anlage in Parchin aber relevant nach Artikel III NPT. Wie ich in diesem Blog hinlänglich bewiesen habe, ist die theoretische Erforschung und Testung der A-Waffen-Technologie zu Verteidigungszwecken nach Artikel II NPT nicht untersagt, weil dort lediglich verboten wird, die A-Bombe to manufacture.

Es erhebt sich also die Frage, was die IAEA in Parchin verifizieren will!

Es folgt Punkt 9. des Berichts, der auszugsweise lautet:

Notwithstanding that certain of the activities being undertaken by Iran at some of the facilities are contrary to the relevant resolutions of the Board of Governors and the Security Council, as indicated below, the Agency continues to verify the non-diversion of declared material at these facilities and LOFs.

Damit ist iSd Artikels III NPT sichergestellt, dass Iran kein spaltbares Material zu Waffenzwecken abzweigt.

In Punkt 10. des Berichtes heißt es:

Contrary to the relevant resolutions of the Board of Governors and the Security Council, Iran has not suspended its enrichment related activities in the declared facilities referred to below. All of these activities are under Agency safeguards.

Zu erinnern ist an dieser Stelle, dass die einschlägigen Resolutionen des SC Iran die Anreicherungsaktivitäten nur insoweit verbieten, als diese von der IAEA als proliferation sensitive festgestellt worden wären, was bis heute nicht geschehen ist.

In Punkten 16. und 22. hält der GD fest, dass die Anlagen in Natanz have operated as declared.

Und hinsichtlich der Anreicherungsanlage in Fordow hält Punkt 26. fest, dass „Iran’s explanation is not inconsistent with the further assessment made by the Agency since the previous report„.

Hinsichtlich anderer Anreicherungsaktivitäten wird in Punkt 27. ausgeführt wie folgt:

The Agency is still awaiting a substantive response from Iran to Agency requests for further information in relation to announcements made by Iran concerning the construction of ten new uranium enrichment facilities, the sites for five of which, according to Iran, have been decided. Iran has not provided information, as requested by the Agency, in connection with its announcement on 7 February 2010 that it possessed laser enrichment technology. As a result of Iran’s lack of cooperation on those issues, the Agency is unable to verify and report fully on these matters.

In noch gar nicht gebauten Anlagen kann schon gar kein spaltbares Material mit safeguards versehen werden. Zu nichts anderem verpflichtet aber Artikel III NPT, sodass der IAEA Forderung, Informationen über noch nicht gebaute Anlagen zu erhalten, ins Rechtsleere geht. Etwaige entgegenstehende Vereinbarungen zwischen IAEA und Iran sind nichtig, weil die IAEA statutarisch keinen Auftrag hat, hinsichtlich der Anwendung von safeguards im Sinne von Artikel III.A.5., 2. Fall IAEA-Statut Vereinbarungen zu schließen, die nicht konform gehen mit dem Vertrag, der dem Ersuchen der Parteien desselben zugrundeliegt. Soweit eine solche Vereinbarung zwischen IAEA und Iran als unilateral (und unabhängig vom NPT abgeschlossen) angesehen werden könnte, wäre sie seitens Iran jederzeit widerrufbar, auch wenn in Artikel 39 des safeguard-Abkommens (nach rechtsirriger Ansicht der IAEA und des SC: angeblich) etwas anderes steht: Diese Vertragsnorm widerspricht zwingendem Völkerrecht dort, wo sie es Iran unmöglich macht, aus einem Vertrag auszusteigen, der für seine existenziellen Interessen widerlich ist. Abgesehen davon siehe oben zu Artikel 39 des safeguards-Abkommens.

In Punkt 28. wird ausgeführt:

Pursuant to the relevant resolutions of the Board of Governors and the Security Council, Iran is obliged to suspend its reprocessing activities, including R&D.

Dabei wird abermals übergangen, dass diese Verpflichtung – wie oben bereits erörtert – nur hinsichtlich solcher Aktivitäten gilt, deren Proliferations-Sensitivität von der IAEA festgestellt wurde.

Dasselbe gilt hinsichtlich der Schwerwasser-Aktivitäten, die in Punkt 29. abgehandelt werden. Rücksichtlich der Verweigerung des Zutritts, wie sie in Punkt 31. des Berichts moniert wird, erhebt sich gleichfalls die Frage, ob dort spaltbares Material vorhanden ist.

So ist denn auch die in Punkt 32. aufgestellte Behauptung, wonach Iran „is obliged to suspend all enrichment related activities and heavy water related projects„, nur unter der zuvor mehrfach erörterten Voraussetzung wahr, wonach die IAEA die Proliferations-Sensitivität festzustellen hätte, was nicht geschehen ist und nicht geschehen kann, will man nicht den gesamten NPT ad absurdum führen; denn sensitive in diesem Sinne ist jedwedes Hantieren mit spaltbarem Material. Deswegen wurden ja die safeguards vereinbart, denen alle diese Aktivitäten  des Iran unterworfen sind, wie Punkt 32. ausdrücklich festhält.

So wird auch rücksichtlich der in den Punkten 38. und 39. angeprangerten vermuteten Aktivitäten noch nicht einmal behauptet, dass in diese spaltbare Materialien involviert wären.

In Punkt 40. des Berichts heißt es:

In resolution 1929 (2010), the Security Council reaffirmed Iran’s obligations to take the steps required by the Board of Governors in its resolutions GOV/2006/14 and GOV/2009/82, and to cooperate fully with the Agency on all outstanding issues, particularly those which give rise to concerns about the possible military dimensions to Iran’s nuclear programme, including by providing access without delay to all sites, equipment, persons and documents requested by the Agency.

Auch hier wird der in jener Resolution beigefügte Nebensatz unterschlagen, wonach solche Schritte nur unternommen werden sollen, soweit diese „are essential to build confidence in the exclusively peaceful purpose of its nuclear programme„. Und bezüglich der von der IAEA verlangten (requested) Informationen und Zutritte etc. wird unterschlagen, dass der SC in Resolution 1929 (Punkt 3.) ausdrücklich sagt, dass die IAEA soll „have all necessary resources and authority for the fulfilment of its work in Iran„, dass ihr also nicht freistehe, irgendetwas zu verlangen, sondern dass dies mit den (sc. rechtlichen) Notwendigkeiten konform gehen müsse.

Was die Anlage in Parchin angeht (Punkte 41. ff.), siehe oben. Die in Punkt 42. des Berichtes angeführten Aktivitäten sind rechtlich völlig irrelevant.

Im Punkt 45. des Berichts heißt es:

Contrary to its Safeguards Agreement and relevant resolutions of the Board of Governors and the Security Council, Iran is not implementing the provisions of the modified Code 3.1 of the Subsidiary Arrangements General Part to Iran’s Safeguards Agreement, which provides for the submission to the Agency of design information for new facilities as soon as the decision to construct, or to authorize construction of, a new facility has been taken, whichever is the earlier. The modified Code 3.1 also provides for the submission of fuller design information as the design is developed early in the project definition, preliminary design, construction and commissioning phases. Iran remains the only State with significant nuclear activities in which the Agency is implementing a comprehensive safeguards agreement that is not implementing the provisions of the modified Code 3.1. It is important to note that the absence of such early information reduces the time available for the Agency to plan the necessary safeguards arrangements, especially for new facilities, and reduces the level of confidence in the absence of other nuclear facilities.

Die IAEA übersieht hier erneut, dass sie, wie oben bereits erörtert, hinsichtlich ihrer Anwendung von safeguards lediglich Auftragnehmerin des Iran ist, der allein vorzugeben befugt ist, was die IAEA tun soll. Dies hat offenbar auch der SC übersehen, sodass seine diesbezüglichen Bestimmungen in den einschlägigen Resolutionen rechtsirrig erfolgt sind und nach Artikel 25 UN-Charta in der Umsetzung durch die Mitgliedstaaten der Korrektur unterliegen.

Abermals betont wird namentlich, dass der SC gemäß Artikel 92 UN-Charta nicht das oberste Rechtsprechungsorgan der UN ist; dies ist vielmehr der IGH Im Haag. Deshalb bestimmt auch Artikel 25 UN-Charta, dass „[t]he Members of the United Nations agree to accept and carry out the decisions of the Security Council in accordance with the present Charter„. Und Artikel 1/1 UN-Charta macht ausdrücklich „the principles of justice and international law“ zur Richtschnur für die Tätigkeiten der UN; während aus Artikel 102/2 UN-Charta geschlossen werden kann, dass auch der SC sich an bestehendes Völkervertragsrecht zu halten hat, soweit dieses im Einklang mit dem ius cogens steht:

No party to any such treaty or international agreement which has not been registered in accordance with the provisions of paragraph 1 of this Article may invoke that treaty or agreement before any organ of the United Nations.

Zu vorderst unter diesen Prämissen sind die Resolutionen des SC auszulegen. Geschieht dies, kommt man zu den hier angestellten Überlegungen und gezogenen Schlüssen, die allesamt belegen, dass Iran im Recht ist und dass die IAEA zufolge ihrer Dominiertheit von den Eigeninteressen einiger weniger vorwiegend westlicher Mächte bisher in ihrer Auslegung und Anwendung ihrer eigenen Statuten sowie ihrer Befugnisse im Rahmen von Artikel III.A.5., 2. Fall IAEA-Statut über die Stränge geschlagen hat.

Die äußerst komplexen und dabei enorm sensibel gehaltenen Formulierungen der einschlägigen Resolutionen des SC betreffend Iran sind Zeichen, dass dort, am East River, Zwang und Drohung herrschen, sodass man sich im Sekretariat solcher ziselierter Klauseln bedienen muss, um das durch die Abstimmungen zu bringen, was rechtens ist. 

 

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