Zur Situation der Christen in den Ländern des einstmaligen Ottomanischen Reichs

Der Konvention wegen der Unterdrückung der Unruhen in Syrien (1860), wie ich sie in Publicanda übersetzt und kommentiert habe, gingen 2 Protokolle vom 3.8.1860 (zu finden bei DE CLERCQ, Recueil des traités de la France, Band VIII, Paris [1867], S. 79 f.) unmittelbar voraus. Bemerkenswert womöglich, dass die Präsidialerklärung des SR der VN betreffens Syrien, S/PRST/2011/16 gleichfalls vom 3. August stammt.

Deren erstes beinhaltet wortgleich die genannte Konvention und folgenden Beisatz:

Il est entendu que les six articles précédents seront textuellement convertis en une Convention qui recevra les signatures des représentants soussignés aussitôt qu’ils seront munis des pleins pouvoirs de leurs souverains, mais que les stipulations de ce protocole entreront immédiatement en vigueur.

Es wird vereinbart, dass die sechs vorangegangenen Artikel wortwörtlich in eine Konvention werden übertragen werden, welche die Unterschriften der unterzeichneten Repräsentanten erhalten wird, sobald sie mit den Bevollmächtigungen ihrer Souveräne ausgestattet worden sein werden, dass aber die Bestimmungen dieses Protokolls unverweilt in Kraft treten werden.

Vgl. damit die Kritik (Suchstichwort: Abgesandte), die in der 6627. Sitzung des SR der VN vom 4.10.2011, bzw. anlässlich der Beeinspruchung des Resolutionsentwurfs S/2011/612 zu Syrien hinsichtlich der mangelnden Loyalität des diplomatischen Corps laut geworden ist.

Das zweite der genannten beiden, je auch vom Türkischen Abgesandten unterzeichneten Protokolle lautet in seinem wesentlichen Inhalt:

Les Plénipotentiaires de la France, de l’Autriche, de la Grande-Bretagne, de la Prusse et de la Russie, désirant établir, conformément aux intentions de leurs cours respectives, le véritable caractère du concours prêté à la Sublime-Porte aux termes du protocole signé ce même jour, les sentiments qui leur ont dicté les clauses de cet acte et leur entier désintéressement, déclarent, de la manière la plus formelle, que les puissances contractantes n’entendent poursuivre ni ne pousuivront, dans l’exécution de leurs engagements, aucun avantage territorial, aucune influence exclusive, ni aucune concession touchant le commerce de leurs sujets et qui ne  pourrait être accordée aux sujets de toutes les autres nations.

Die Bevollmächtigten Frankreichs, Österreichs, Großbritanniens, Preussens und Russlands, wie sie in Übereinstimmung mit den Absichten ihrer jeweiligen Höfe wünschen, den wahren Charakter des der Hohen Pforte in den Worten des an diesem selben Tage unterzeichneten Protokolls gewährten Beistands, die Meinungen, welche ihnen die Bestimmungen dieser Akte diktiert haben, sowie ihr gänzliches Desinteresse festzuhalten, erklären auf die förmlichste Weise, dass die Vertrag schließenden Mächte nicht gedenken, noch gedenken werden, im Vollzug ihrer Verpflichtungen irgendeinen territorialen Vorteil, irgendeinen ausschließlichen Einfluss, noch irgendeine Konzession zu verfolgen, welche den Handel ihrer Untertanen betrifft und welche nicht den Untertanen jeder anderen Nation zugestanden werden könnte.

Néanmoins, ils ne peuvent s’empêcher, en rappelant ici les actes émanés de S. M. le sultan dont l’article 9 du traité du 30 mars 1856 a constaté la haute valeur, d’exprimer le prix que leurs cours respectives attachent à ce que, conformément aux promesses solonnelles de la Sublime-Porte, il soit adopté des mesures administratives sérieuses pour l’amélioration du sort des populations chrétiennes de tout rite dans l’empire ottoman.

Nichtsdestotrotz können sie – hier die von Seiner Majestät dem Sultan ausgegangenen Akte in Erinnerung rufend, deren hohen Wert Artikel 9 des Vertrags vom 30. März 1856 festgestellt hat – nicht umhin, den Preis auszudrücken, welchen ihre jeweiligen Höfe dem beimessen, dass in Übereinstimmung mit den feierlichen Versprechungen der Hohen Pforte ernste administrative Maßnahmen zur Verbesserung des Loses der christlichen Bevölkerungen aller Riten im Ottomanischen Reich angenommen werden.

Le Plénipotentiaire de Turquie prend acte de cette déclaration des représentants des hautes puissances et se charge de la transmettre à sa cour, en faisant observer que la Sublime-Porte a employé et continuera à employer ses efforts dans le sens du voeu exprimé ci-dessus.

Der Bevollmächtigte der Türkei nimmt diese Erklärung der Repräsentanten der Hohen Mächte zur Kenntnis und verpflichtet sich, sie an seinen Hof zu übermitteln, während er beobachten lässt, dass die Hohe Pforte deren Anstrengungen im Sinne des oben ausgedrückten Wunsches aufgewendet hat und fortfahren wird, aufzuwenden.

Der zitierte Artikel 9 des Generalvertrages von Paris, vom 30. März 1856, ist (im französischen Original sowie in einer nicht authentischen deutschen Übersetzung) zu finden im RGBl. 62/1856. Darin ist die Rede einerseits von einem Firman, den S. M. der Sultan ohne Unterscheidung der Religionen für die Rechtsstellung seiner Untertanen erlassen hat; dass er diesen Firman seinen Vertragspartnern mitteilen wird; und dass andererseits daraus kein Recht abgeleitet werden soll, dass diese sich in seine innere Angelegenheiten einmischten. Der genannte Firman sowie weiterführende Rechtstexte sind zu finden bei NICOLAÏDES, Legislation Ottomane, 2. Teil, Konstantinopel (1874), S. 7 ff. (14).

Mit etwas pseudo-juristischer Phantasie lässt sich also sagen, dass im dargestellten Komplex von Arrangements die christlichen Gemeinden im Orient als Faustpfand für die Uneigennützigkeit der Aktivitäten des westlichen, Militär gestützten Apparats ebendort vereinbart worden sind.

1435

Ein thread zum Thema bei derstandard.at.

20111012, 1111

Noch ein thread zum Thema bei derstandard.at und ein weiterer thread zum Thema Exorzismus und Religionsfreiheit bei derstandard.at.

20111014, 1243

Ein thread bei derstandard.at zum Thema österreichisches Konkordat von 1934 – Volksbegehren dawider.

20111202, 1456

Vgl. damit COKE, The socond part of the Institutes of the Laws of England, London (1797), S. 2 f.:

Ecclesia quae semper est infra aetatem fungitur semper vice minoris, nec est juri consonum quod infra aetatem existentes, per neglegentiam custodum suorum exhaeredationem patiantur seu ab actione repellantur.

(Zu Deutsch: Die Kirche, die immer mit der Zeit geht, handelt immer anstelle des Schwächeren, und das harmoniert nicht mit dem Recht, weil die mit der Zeit Gehenden durch die Nachlässigkeit ihrer Wächter die Enterbung erleiden oder von der Amtsführung ferngehalten werden könnten.)

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: