Der Löwenherz-Pakt von Würzburg (1193)

Im Anschluss an meine Übersetzung der Goldenen Bulle von Haguenau (1193) stelle ich dem geschätzten Leser sogleich meine kontinuierlich zu ergänzende und mit als Download hinterlegten Anmerkungen zu versehene Übersetzung aus dem Lateinischen des Paktes, geschlossen zu Würzburg, den 14. Feber 1193, zwischen Heinrich VI. (Staufer), Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, und Leopold V. (Babenberger), Herzog von Österreich, betreffend Richard I. (Plantagenet), genannt Löwenherz, König von England, vor, welcher Text zu finden ist bei WEILAND [edid.], Constitutiones et acta publica Imperatorum et Regum, Tomus I: DCCCCXI-MCXCVII, in: SOCIETAS APERIENDIS FONTIBUS RERUM GERMANICARUM MEDII AEVI [edid.], Monumenta Germaniae historica, Hanoverae (1893), 502, bei MGH digital der BSB.

Zuvor will ich aber kurz auf die lateinische Vokabel incolumitas eingehen, die im unten an erster Stelle übersetzten Einleitungssatz zum genannten Pakt Verwendung findet. Sie bedeutet nach GEORGES so viel wie der unverletzte Zustand, die Sicherheit, Erhaltung; und die Autoren des Langenscheidt Taschenwörterbuchs Latein weisen darauf hin, dass sie „wohl mit calamitas und clades verwandt“ sei: Ersteres bedeutet Schaden, Verlust, Letzteres ebensoviel.

Was diese Autoren trotz Naheliegens nicht ansprechen, ist lumen, das Licht. So ist es meines Erachtens mit Bedacht geschehen, dass die von oben herab fallenden Lichtstrahlen auf dem Bild links, gleich der Kreuzigung Christi, durch die rechte Hand sowie den linken Fuß des Abgebildeten dringen. Auch die ausweichende Dynamik dessen Körpers ist signifikant. Nun ist freilich 1740, als der zitierte Band erschien, längst im Zeitalter der Aufklärung und modernen Forschung, aber immerhin: man versteckte sein Wissen in Bildern. Wie erst muss es 500 und mehr Jahre zuvor gewesen sein!

Zum Beispiel Stonehenge könnte den ganz simplen Zweck verfolgt haben, ein die Jahrtausende mit Sicherheit überstehendes Monument zu schaffen, das der Nachwelt davon zeugt, zu welch gigantischer Leistung, auch astronomischer Natur, man fähig war, doch leider ohne Hochtechnologie, die man eingebüßt gehabt haben würde – bei der Bruchlandung?

So. Nun aber zum angekündigten Pakt:

Dies ist die Fassung der Übereinkunft und des zwischen dem Herrn Heinrich, dem Kaiser der Römer, und Leopold, dem Herzog von Österreich, über die Unverletztheit und die Erlaubnis des Königs der Engländer und andere Verhandlungen errichteten Vertrages.

1. [20110317, 1022] Ich, LEOPOLD, Herzog von Österreich, werde meinem Herrn, HEINRICH, dem Kaiser der Römer den König von England folgendermaßen und unter der Bedingung übergeben und ausliefern, dass ebendieser König, so wie es zu Tisch angesagt worden ist, dem Herrn Kaiser 100.000 Mark Silbers vergönnen werde. Von welchen ich die Hälfte für die auszustattende Tochter des Bruders des Königs der Engländer halten werde, die einer meiner Söhne in die Ehe führen wird. Diese Tochter des Bruders des Königs der Engländer wird darum zum Fest des Heiligen Michael einem meiner Söhne, den ich hierzu auswählen werde, darzureichen sein; und die Hälfte der schon genannten 100.000 Mark Silbers, nämlich 50.000 Mark Silbers, wird zu diesem Termin zahlbar sein, von denen eine Hälfte mein Herr Kaiser in Besitz nehmen wird, und die andere ich. [20110318, 1025] Die andere Hälfte von ebendiesen 100.000 Mark, nämlich 50.000 Mark, die übrig bleiben, ist bis zum Beginn der nächstfolgenden Fastenzeit zu zahlen; die Hälfte wessen Vermögens gleichermaßen der Herr Kaiser in Besitz nehmen wird, und eine Hälfte ich. Und welcher Teil immer des gesamten vorgenannten Vermögens dem Herrn Kaiser unterhalb welcher Zahl auch immer binnen jener Frist, da das Ganze gezahlt zu werden schuldig ist, bezahlt werden wird: die Hälfte dessen wird ohne böse List mir dargereicht werden.

2. Dagegen wird mir mein Herr, der Kaiser, 200 Bürgen bestellen, dass falls er selbst, nachdem ich ihm selbst den König der Engländer werde dargeboten haben, was der Herr abwenden möge, den Schicksalen nach verschieden sein wird, während ebendieser König sich in seiner Amtsgewalt befindet, mir der König selbst ohne böse List wird dargeboten werden. Falls sich aber ereignet haben wird, dass ich zuerst den Tod finde, wird diese Übereinkunft von einem meiner Söhne, den ich hiezu werde ausgewählt haben, zur Gänze beobachtet werden, nämlich von jenem, der die Tochter des Bruders des Königs von England in die Ehe führen wird; und wenn jener nicht vorhanden sein sollte, wird diese Übereinkunft von meinem anderen Sohn bewahrt werden.

3. [20110321, 1216Ebenso wird der König der Engländer dem Herrn Kaiser 50 Galeeren mit Besatzung, Aufwänden und allem anderen Zubehör übergeben; und er wird 100 Soldaten mit 50 Wurfgeschoßen auf ebendiesen Galeren einrichten. [20110322, 1948] Und darüber hinaus wird er selbst in eigener Person mit hundert anderen Soldaten und 50 Wurfgeschoßen in das Königreich Sizilien mit dem Herrn Kaiser eindringen und ihm in gutem Glauben beistehen, wielange er das Königreich besetzt halten möge, wenn er sich nicht nach dessen gütigem Willen und mit dessen Erlaubnis von dort zurückziehen solle. Und damit ebendieser König all das getreu verfolgen und erweisen möge, wird er meinem Herrn, dem Kaiser, 200 Bürgen von guter Abkunft aus dem Land seiner Gewalt bestellen, die der Herr Kaiser von ihm verlangen wird, wenn er nicht der Wahrheit wegen zum Herrn Kaiser gestanden sein wird, und deshalb irgendjemand oder irgendwelche von jenen so offenbar sich ihm widersetzt oder widersetzen, sodass sein kann, dass jener oder jene dem Galgen entgehen; und hierauf wird ebendieser König ihm anstelle jenes oder jener einen andern oder andere Bürgen bestellen, den oder die der Herr Kaiser benannt haben wird, mit Ausnahme der Söhne seiner Schwester und Heinrichs, ehemals des Herzogs von Sachsen, und des Sohnes seines Bruders.

4. [20110323, 1224Diejenigen aber, denen der Herr Kaiser ebendiese Bürgen zu dienen anvertrauen wird, werden schwören, dass sie, falls der Herr Kaiser, was Gott abwenden möge, währenddessen ebendiese Bürgen in deren Gewalt sich befinden, gestorben sein wird, die vollkommenen Bürgen selbst freigeben und ohne böse List an einem sicheren Ort versammeln werden.

5. Ebenso wird der Herr Kaiser , wenn der König von England dem Herrn Kaiser die Gesamtheit dessen, was er versprochen hat, erwiesen haben wird, die Bürgen obendrein so lange festhalten, bis wann der König selbst mich, den Herzog von Österreich, beim Papst freisprechen wird. [20110324, 1348] Wenn aber besagter König das Versprochene dem Herrn Kaiser nicht erwiesen haben wird, wird es in dessen Willen liegen, mit den Bürgen des Königs gemäß seinem Gutdünken zu verfahren, so dass ich, der Herzog von Österreich, nichts darüber zu verfügen haben werde.

6. Zu dem wird der Herr Kaiser zehn Adelige aus seinem Reich, nämlich solche, die ich auswählen werde, schwören lassen, dass, falls der König von England die Gesamtheit dessen, was er ihm versprochen hat, erwiesen haben wird, dessen Bürgen als losgelöste werden freigelassen werden.

7. Desgleichen wird der Herr Kaiser den König von England in seiner Macht so lange behalten, wie lange der König von Zypern und dessen Tochter, die in Gefangenschaft des Königs sind, werden befreit werden. Wenn aber der König von Zypern und dessen Tochter aus der Gefangenschaft befreit worden sind und für deren Befreiung irgendetwas hingegeben oder verlangt worden ist, wird der Herr Kaiser den König von England gleichermaßen in seiner Gewalt behalten, wie lange jenes aus Unverletztem möge zurückerstattet werden.

8. [20110326, 1627] Desgleichen falls der König von England innerhalb dieses laufenden Jahres, nämlich vom Beginn des Fastens bis zum Beginn des nächsten Fastens, weder das Vermögen noch die Bürgen gegeben, oder bei der Erfüllung eines von diesen einen Rückstand übergangen haben wird, und dem Herrn Kaiser nach Verstreichen dieses Termins über mein Mitwissen von der Wahrheit bekannt gewesen sein wird, dass besagter König weder das versprochene Vermögen noch die Bürgen zu leisten vermag, oder nach der Leistung des einen von diesen das andere nicht erbracht haben wird, und davon Kenntnis erlangt worden ist, wird, falls der Herr Kaiser mir den König darzubieten nicht gewollt haben wird, zu meiner Wahl stehen, dass von den oben genannten 200 Bürgen, derer mir der Herr Kaiser 50, nämlich diejenigen geben wird, die Knaben und nicht Soldaten sein sollen, ich, die ich gewollt haben werde, zurückbehalte und nach Entlassung der anderen der König von England in meine Gewalt zurückgebracht werde.

9. Wenn sich aber ereignet haben wird, dass der König von England in der Gewalt des Herrn Kaisers stirbt, werden die vorgenannten 200 Bürgen des Herrn Kaisers losgelöst werden, es hätte denn der Herr Kaiser vom vorgenannten Vermögen irgendetwas erhalten, wovon ich die Hälfte nicht bekommen haben sollte: nachdem aber die Hälfte gehabt haben wird, werden ebendiese Bürgen losgelöst werden.

10. Nachdem aber all dies gemäß dem, was oben gesagt worden ist, in gutem Glauben und ohne böse List erfüllt worden sein wird, wird der Herr Kaiser verpflichtet sein, mit dem oft genannten König der Engländer festen Frieden zu beobachten.

Geschehen zu Würzburg, an den 16. Kalenden des März (14. Februar) im 1193. Jahr der Menschwerdung Christi.

Finis.

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