Die IAEA, Iran und dessen zweite Anreicherungsanlage im Licht des NPT. Teil II

 

 

 

 

Artikel VIII Absatz 3 des NPT lautete im Zeitpunkt seines Inkrafttretens (5. März 1970) wie folgt:

Five years after the entry into force of this Treaty, a conference of Parties to the Treaty shall be held in Geneva, Switzerland, in order to review the operation of this Treaty with a view to assuring that the purposes of the Preamble and the provisions of the Treaty are being realised. At intervals of five years thereafter. a majority of the Parties to the Treaty may obtain, by submitting a proposal to this effect to the Depositary Governments, the convening of further conferences with the same objective of reviewing the operation of the Treaty”.§

Der österreichische Gesetzgeber hat diesen in BGBl 258/1970¨ wie folgt übersetzt:

Fünf Jahre nach dem Inkrafttreten des vorliegenden Vertrages ist in Genf, Schweiz, eine Konferenz der Vertragsparteien zur Überprüfung der Durchführung dieses Vertrages abzuhalten, um sicherzustellen, dass die Ziele der Präambel und die Bestimmungen des Vertrages verwirklicht werden. Hernach kann eine Mehrheit der Vertragsparteien in Zeitabständen von fünf Jahren durch Unterbreitung eines diesbezüglichen Vorschlages an die Regierungen der Depositarmächte die Einberufung weiterer Konferenzen zum gleichen Zweck der Überprüfung der Durchführung dieses Vertrages erwirken.“

Operation“ ist im Englischen ein juridischer Terminus und bedeutet zu Deutsch „Wirksamkeit, Geltung“. Der hier begangene Übersetzungsfehler täuscht also über die wahre Natur des NPT gravierend hinweg. Dazu Näheres später.

Artikel X Absatz 2 des NPT lautet wie folgt:

“2. Twenty-five years after the entry into force of the Treaty, a conference shall be convened to decide whether the Treaty shall continue in force indefinitely, or shall be extended for an additional fixed period or periods. This decision shall be taken by a majority of the Parties to the Treaty.”

Zu solchen Revisionskonferenzen nach Artikel VIII Absatz 3 NPT kam es 1995, 2000 und 2005. die nächste solche Konferenz ist für 2010 anberaumt. Auf der Konferenz von 1995, die zugleich die in Artikel X Absatz 2 vorgesehene war, wurde beschlossen, dass fortan alle fünf Jahre weitere solche Konferenzen stattfinden sollen. Auf der Konferenz von 1995 wurden drei Entscheidungen© gefällt. Ich zitiere aus der ersten davon, wobei ich wichtige Stellen unterstreiche:

3. The Conference decided that, beginning in 1997, the Preparatory Committee should hold, normally for a duration of 10 working days, a meeting in each of the three years prior to the Review Conference. If necessary, a fourth preparatory meeting may be held in the year of the Conference.

4. The purpose of the Preparatory Committee meetings would be to consider principles, objectives and ways in order to promote the full implementation of the Treaty, as well as its universality, and to make recommendations thereon to the Review Conference.

[…]

7. The Conference further agreed that Review Conferences should look forward as well as back. They should evaluate the results of the period they are reviewing, including the implementation of undertakings of the States parties under the Treaty, and identify the areas in which, and the means through which, further progress should be sought in the future. Review Conferences should also address specifically what might be done to strengthen the implementation of the Treaty and to achieve its universality.

Ferner zitiere ich gleich aus der 2. Entscheidung von 1995:

“The Conference of the Parties to the Treaty on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons, Reaffirming the preamble and articles of the Treaty on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons,

Reaffirming the preamble and articles of the Treaty on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons, […]

The Conference affirms the need to continue to move with determination towards the full realization and effective implementation of the provisions of the Treaty, and accordingly adopts the following principles and objectives:

Universality

1. Universal adherence to the Treaty on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons is an urgent priority. All States not yet party to the Treaty are called upon to accede to the Treaty at the earliest date, particularly those States that operate unsafeguarded nuclear facilities. Every effort should be made by all States parties to achieve this objective.

Non-proliferation

2. […] Every effort should be made to implement the Treaty in all ist aspects to prevent the proliferation of nuclear weapons and other nuclear explosive devices, without hampering the peaceful uses of nuclear energy by States parties to the Treaty.

[…]

11. International Atomic Energy Agency safeguards should be regularly assessed and evaluated. Decisions adopted by its Board of Governors aimed at further strengthening the effectiveness of Agency safeguards should be supported and implemented and the Agency’s capability to detect undeclared nuclear activities should be increased. Also, States not party to the Treaty on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons should be urged to enter into comprehensive safeguards agreements with the Agency.

12. New supply arrangements for the transfer of source or special fissionable material or equipment or material especially designed or prepared for the processing, use or production of special fissionable material to non-nuclear-weapon States should require, as a necessary precondition, acceptance of the Agency’s full-scope safeguards and internationally legally binding commitments not to acquire nuclear weapons or other nuclear explosive devices.”

Schließlich zitiere ich aus der dritten Entscheidung von 1995:

„The Conference of the Parties to the Treaty on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons,

Having reviewed the operation of the Treaty and affirming that there is a need for full compliance with the Treaty, its extension and its universal adherence, which are essential to international peace and security and the attainment of the ultimate goals of the complete elimination of nuclear weapons and a treaty on general and complete disarmament under strict and effective international control,

[…]

Decides that, as a majority exists among States party to the Treaty for its indefinite extension, in accordance with article X, paragraph 2, the Treaty shall continue in force indefinitely.

In der Revisionskonferenz 2000§ wurden keine förmlichen Entscheidungen getroffen. Desgleichen in der Konferenz 2005¨.

Völkerrechtliche Verträge haben regelmäßig an sich, dass sie der Parteien Souveränität einschränken, indem diese Verpflichtungen eingehen. Zwar gewinnt bei gegenseitigen Verträgen der teilweise auf seine Souveränität verzichtende (die Verpflichtung auf sich nehmende) Teil auch etwas: entweder eine Gegenleistung oder das mit seiner Pflicht korrespondierende Recht darauf, dass der Vertragspartner, der sich zur Selben Pflicht verbürgt hat, diese erfüllet. Dennoch liegt zumeist eine Verwicklung der beiden Souveränitäten vor, die mit Einbussen von derselben verbunden ist.

Auch aus diesem Grund sind solche vertragliche Verpflichtungen grundsätzlich, und freilich gemessen am Vertragszweck, einschränkend auszulegen; das heißt, dass die übernommene Verpflichtung im Zweifel weniger weit geht.

Was nun die im Artikel III NPT vorgesehene Verpflichtung der Nichtkernwaffenstaaten, Sicherungsmaßnahmen zu dulden, angeht, steht dieser Pflicht noch nicht einmal eine adäquate Gegenleistung gegenüber, sondern lediglich die in der Präambel angesprochene und im Artikel VI konkretisierte Pflicht (auch) der Kernwaffenstaaten, über nukleare Abrüstung zu verhandeln.

Auch daraus folgt, dass die genannte Duldungspflicht (im Zweifel) einschränkend auszulegen ist. Somit ergibt sich, dass die Ausgestaltung, die Wirkung, der Umfang dieser Verpflichtung technisch auf den Status quo zur Zeit des Vertragsabschlusses einzuschränken ist.

Das Dilemma beginnt nun mit der Divergenz zwischen diesem einschränkenden Auslegungsergebnis, dass sich im Übrigen in der offensichtlichen Rechtsauffassung der Vertragsparteien spiegelt, wonach mit „universality“ jeweils durchaus nicht nur Parteienvollständigkeit, sondern auch technische Vollständigkeit gemeint ist, was sich zwanglos auch aus den oben unterstrichen zitierten Passagen des Artikel VIII Absatz 3 NPT ergibt, einerseits; und dem Wortlaut des Artikels X Absatz 2 NPT, der voraussetzt, dass der zeitliche Geltungsbereich des Vertrags im Sinne dessen Befristung beschränkt worden wäre, was aber gar nicht der Fall ist, andererseits: Die (oben angestellte) anzuwendende Auslegung ergibt lediglich eine technische Beschränktheit der Anwendbarkeit auf den technischen Status quo im Zeitpunkt des Vertragsabschlusses.

Mit der oben zitierten dritten Entscheidung der Konferenz 1995, wonach die Geltung unbegrenzt fortgesetzt werden solle, ist aber (im aufgezeigten Sinne irrig) offenbar nur die rein zeitliche Geltung des Vertrags gemeint (die gar nicht beschränkt war) was sich auch aus dem Umstand ergibt, dass oben zitierter Artikel X Absatz 2 alternativ zur „unbegrenzten Geltung“ weiter 5-Jahresperiuoden vorsieht, woraus erhellt, dass mit der „unbegrenzten Geltung“ keineswegs die technische gemeint ist.

Wesentliche Aufgabe nämlich der Revisionskonferenzen wäre nun nach Artikel VIII Absatz 3 NPT gewesen, durch jeweilige Erneuerung der Vertragspflichten eine Aktualisierung derselben im Sinne einer Ausdehnung auf den technischen Status quo im Zeitpunkt der Konferenz herbeizuführen.

Aus den oben zitierten Auszügen der drei Entscheidungen der Konferenz 1995, dabei insbesondere den unterstrichenen Passagen, wie auch aus dem hier nicht zitierten Rest dieser Entscheidungen kann nun aber gerade nicht eine solche Erneuerung mit der erforderlichen Klarheit einer darauf bezüglichen Willensäußerung geschlossen werden!

Bleibt noch zu erwähnen, dass für eine Wirksamkeit (rechtliche Verbindlichkeit) etwaiger Bestimmungen in den Sicherungsabkommen zwischen der IAEA und den Vertragsparteien des NPT, die über das zuvor erzielte Ergebnis hinausgingen, weder im NPT noch im IAEA-Statut Raum bleibt.

Im Ergebnis bedeutet dies, dass die Verpflichtung (auch) des Iran, Sicherungsmaßnahmen der IAEA nach Artikel III NPT zu dulden, sich nur auf den technischen Status quo von 1970 bezieht.

A.H.L.


§ Siehe den NPT-Text bei: http://www.iaea.org/Publications/Documents/Infcircs/Others/infcirc140.pdf.

¨ Siehe dieses bei: http://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/BgblPdf/1970_258_0/1970_258_0.pdf.

© Siehe NPT/CONF.1995/32 (Part I), S. 8 ff.

§ Sie das Schlussdokument dieser Konferenz in NPT/CONF.2000/28.

¨ Siehe das Schlussprotokoll dieser Konferenz in NPT/CONF.2005/57.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: